25.11.12

Rezension zu: T. C. Boyle: "Ein Freund der Erde"


Kein Freund der Menschen


T. Coraghessan Boyles Roman „Ein Freund der Erde“ will uns eines Besseren belehren


Wenn in einem Roman die Protagonisten nichts anderes als Sake trinken, dann vermutet man den Schauplatz naturgemäß im fernen Japan. Ist dies aber nicht der Fall, so bleibt noch die Möglichkeit, dass sich die Handlung in einer fiktiven Zukunft abspielt, in der die Klimazonen der Erde nach der Öko-Katastrophe derart durcheinandergebracht sind, dass in den meisten Gebieten nur noch Reis angebaut werden kann, während Brasilien und Neuseeland zur Wüste geworden sind und nur noch an den Hängen um Oslo Weintrauben gedeihen.


Ein solches Szenario entwirft T. C. Boyle, der spätestens seit „Riven Rock“ zu den hochgeschätztesten amerikanischen Autoren seiner Generation zählt, in seinem neuen Roman „Ein Freund der Erde“. In den Teilen des zwischen zwei Zeitebenen wechselnden Romans, die in den Jahren 2025/2026 spielen, erzählt der Ich-Erzähler Tyrone „Ty“ O’Shaughnessy Tierwater, Ex-Umwelt-Aktivist und alternder Tierpfleger im Privatzoo des Multimilliardärs Maclovio Pulchris, in einer Art innerem Monolog von seinen vergeblichen Bemühungen, wenigstens in sein Alter ein bißchen Ordnung zu bringen. Der tierliebe und menschenscheue Popstar Pulchris, bei dem nicht zuletzt durch dessen verspiegelte Sonnenbrille und schwarze Korkenzieherlocken der Leser unweigerlich an Michael Jackson denkt, hat sich eine moderne Arche Noah aufgebaut, in der er mit Hilfe von Tierwater und anderen Gehilfen räudige Hyänen, stinkende Löwen, Ameisenbären und andere eher häßliche Tiere vor dem Aussterben bewahren will.

Ein gewaltiges Unwetter von den Ausmaßen El Niños nötigt sowohl Tiere als auch die menschlichen Bewohner des Anwesens, zu denen sich zu Tierwaters Verwirrung auch noch seine frühere Frau Andrea gesellt, ins Haus zu flüchten, wo die Löwen einiges Unheil anrichten. Und Tierwater, der das feuchte Element nicht zufällig in seinem Namen trägt, tut sein Bestes, um das Unternehmen „Noah“ nicht ganz außer Kontrolle geraten zu lassen.

Auf der anderen Zeitebene, die immer wieder geschickt mit der Zukunft verbunden wird, werden die halb heldenhaften, halb lächerlichen Aktivitäten Tierwaters als „Öko-Rächer“ der neunziger Jahre geschildert, der nach dem Motto „Ein Freund der Erde ist ein Feind der Menschen“ Maschinen zerstört, Reifen aufschlitzt oder kurzerhand Wege überschwemmt, um die Wälder des amerikanischen Kontinents zu retten. Eher durch weibliche Überzeugungskraft als durch eingeborenen Idealismus wird er zu einem militanten Märtyrer der Umweltbewegung „Earth Forever!“, die ihn zu unterstützen versucht. Sein Schicksal wird dabei allerdings von Rückschlägen begleitet. Ty landet im Gefängnis, Andrea verläßt ihn und seine Tochter Sierra, die als Ausdruck des Protestes jahrelang auf einem riesigen Redwoodbaum haust, kommt bei einem Sturz ums Leben.

Bald schon wird dem Leser klar, worauf alles hinausläuft: So sehr sich auch Einzelne bemühen mögen, die finale Katastrophe, den Kollaps der Biosphäre abzuwenden – es wird sich doch immer um die in ihrer Isoliertheit absurd wirkenden, vergeblichen Handlungen von „Spinnern“ handeln, die am Ende in einer Form von fatalistischer Resignation und Entmutigung unter genau den selben Folgen der globalen Erwärmung leiden wie die, die sie mit gutem Gewissen verantworten. Wie es nun so ist, wenn der Leser das Ende einer Geschichte im Voraus kennt, dann verlagert sich sein Interesse unweigerlich vom „Was wird geschehen?“ auf die Frage nach dem „Wie?“ Und dann ist es sehr von Vorteil, seine Geschichte mit stilistischer Brillanz und erzählerischer Verve zu präsentieren – wozu Boyle leider nicht durchgängig in der Lage ist.

Dies alles ist recht spannend und flüssig erzählt, ohne sich formal je ins allzu Gewagte zu begeben. Im Gegensatz aber zu den geradezu eigensinnig-kraftvoll geschriebenen Romanen „Wassermusik“ oder „Grün ist die Hoffnung“ ist „Ein Freund der Erde“ ein Roman, den man trotz seiner durchaus witzig und abwechslungsreich geschriebenen Einzelepisoden ab der Hälfte bis zum Ende überspringen will, allerdings nicht aus ungeduldiger Neugier, wie denn alles ausgehen möge, sondern aus achselzuckender Ermüdung. Denn weder gelingt es dem Autor, eine irgendwie geartete Einfühlung in seine desillusionierte und ein wenig großtuerische Hauptfigur anzubieten, noch kann er mit einer lustvoll und facettenreich erzählten Geschichte das unangenehme Durchscheinen des Zwecks des Ganzen, seines obersten Anliegens übertünchen – so ehrenhaft es auch sein mag. Die Perspektive aus der Zukunft ist von Tierwater, der immer wieder Dinge erwähnt, die seinen eigenen Zeitgenossen mehr als selbstverständlich und belanglos erscheinen müßten, zudem so offensichtlich an uns, an den Leser der Gegenwart gerichtet, daß dieser mitunter das Gefühl des Belehrtseins über die Konsequenzen seines Handelns nicht von sich weisen kann.

Aber angesichts der geschilderten trostlosen Zustände, die uns in nicht eben unwahrscheinlicher Weise in naher Zukunft erwarten, ist ein bißchen Belehrung vielleicht gar nicht mal fehl am Platz – und sei es auf dem Umweg über einen Roman.