23.12.12

Die Lust am Tabubruch - Rezension zu Edgar Hilsenrath: "Fuck America: Bronskys Geständnis"


Seine Bücher haben ein ähnlich abenteuerliches Schicksal wie Edgar Hilsenrath selbst. Als beispielsweise der Roman „Nacht“ erschien, wurde der Vertrieb binnen kurzem eingestellt, sodass der Autor seine eigenen Bücher aufkaufen musste. „So kann man Juden nicht darstellen“, lautete damals, 1978, der sich philosemitisch gebende Tenor – zu triebbesessen, zu abstoßend erschienen dort die, die doch eigentlich die edlen Opfer sein sollten. Hilsenrath wurde zur persona non grata im Literaturbetrieb, seine Manuskripte von 60 Verlagen abgelehnt. Dabei hatte er nur beschrieben, oft satirisch überzogen freilich wie in seinem zweiten Roman „Der Nazi & der Friseur“, was die Nazis letztlich geschaffen hatten: Juden, die auf reine Animalität reduziert wurden. 


Im Ausland hingegen, vor allem in den USA, wo Hilsenrath nach seiner Emigration aus Palästina lange Zeit lebte, gilt er als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Holocaust-Schriftsteller. Seine Werke erreichten Auflagen in Millionenhöhe, sie wurden in 18 Sprachen übersetzt und erschienen in 22 Ländern. Im Zuge dieses Erfolgs wurde Hilsenrath dann auch hier wieder gelesen, er erhielt den Alfred-Döblin-Preis, „Der Nazi & der Friseur“ wurde zur Schullektüre. Namhafte Kollegen wie Heinrich Böll widmeten seinen Büchern – wenn auch skeptisch – lobende Besprechungen.

Seit einiger Zeit jedoch ist es still geworden um Edgar Hilsenrath. „Ihre Bücher verkaufen sich nicht mehr“, sagte man ihm beim Piper Verlag, wo er über lange Jahre hinweg veröffentlicht wurde, und gab ihm die Rechte an seinen Werken zurück. Mit diesen Rechten trat er an den Kölner Dittrich-Verlag heran, wo nun eine Werkausgabe aller seiner Bücher erscheint. Angefangen mit „Bronskys Geständnis“, einer autobiographisch geprägten Satire über den Emigranten Jakob Bronsky, der sich als Penner im New York der 50er Jahre durchschlägt, um seinen Roman zu schreiben und damit von seinen Erinnerungen loszukommen. Der jetzt wieder vorliegende Roman erscheint im Dittrich-Verlag unter dem zusätzlichen Titel „Fuck America“ – ohne im eigentlichen Sinne antiamerikanisch zu sein. Es handelt sich vielmehr um ein bizarres und bewegendes Zeugnis einer Welt, in der die Überlebenden des Holocaust „den anderen Tod“ sterben müssen, weil man von ihrer Geschichte nichts wissen will und sie schließlich von der Erinnerung eingeholt werden.

Bereits im Frühjahr 2004 soll der Schtetl-Roman „Jossel Wassermanns Heimkehr“ erscheinen und im Herbst nächsten Jahres dann „Der Nazi & der Friseur“. „Ein gewagtes Unternehmen“, sagt Verlagsgründer Volker Dittrich. Einen Außenseiter wie Hilsenrath durch eine Neuedition und ein paar Lesungen wieder einem größeren Publikum bekannt machen zu wollen, sei nicht allein finanziell ein großes Risiko. Doch geben die Reaktionen auf die ersten Veranstaltungen (darunter eine in der Berliner Akademie der Künste) Anlass zur Zuversicht. „Alle Häuser waren sehr gut besucht“, so Dittrich, „und im nächsten Jahr kommen noch Lesungen mit Hilsenrath in anderen Teilen Deutschlands hinzu.“

Die Zeit scheint reif zu sein für eine Hilsenrath-Renaissance. Das „Schreiben über Auschwitz“ kommt heute weniger genormt daher als noch vor einem Vierteljahrhundert. Auch bestehen die Tabuschwellen bei der Darstellung des Holocaust nicht mehr, die Hilsenrath seinerzeit noch regelmäßig und lustvoll überschritt. Durch die gewissenhaft und ansehnlich erstellte Edition seiner Werke könnte Hilsenrath nach und nach in eine Reihe mit Autoren wie Jean Améry, Jurek Becker oder Ruth Klüger rücken. Das Zeug dazu haben seine Romane in ihrer oft respektlosen und provozierenden, aber immer aufrichtigen Haltung allemal.






Edgar Hilsenrath. Fuck America – Bronskys Geständnis. Gesammelte Werke Band 4.
Dittrich-Verlag, Köln 2003, 287 Seiten, 19,80 €.