30.12.12

Es dämmert schon - Rezension zu Eduard von Keyserling: "Im stillen Winkel"


Auch in den Erzählungen unter dem Titel "Im stillen Winkel" ist Eduard von Keyserling der Dichter der elegischen Stimmung - und verbindet sie mit vornehmer Zeitkritik

Sein Thema ist der Verfall, der Niedergang, die Ermüdung vom Leben, die Vergeblichkeit. Seine Helden sind Nervenschwache, Zarte bis Verzärtelte, Übersensible bis zur Lebensunfähigkeit, meist Adlige, oft Frauen, deren Schicksal darin besteht, ihrem Schicksal - verkörpert durch ihre Männer - nicht entkommen zu können. Eduard von Keyserling, dessen Name der literarischen Öffentlichkeit dank der Wiederveröffentlichung seiner Romane und Erzählungen erst seit einigen Jahren wieder ein Begriff ist, ist der Beschwörer dieser vergangenen Welt, einer Welt des funktionslos gewordenen Adels (Keyserling selbst entstammt einer baltischen Adelsfamilie), der blassen und zerbrechlichen Frauen und der nervösen und lendenlahmen Ästheten.

Zeitgenossen galt er als "Fontane in Moll", gar als "Meister und Persönlichkeit", wie Thomas Mann ihn in seinem Nachruf aus dem Jahre 1918 nennt, aber auch als degenerierter Adelssohn, dessen Werk kein anderes Thema kennt als die Melancholie des Verfalls und des Untergangs, dessen Motive und Sprache dem Kitsch nicht mehr fern sind. Und in der Tat, die gesellschaftliche Kaste seiner Figuren wechselt in den Romanen und Erzählungen kaum und auch die Protagonisten der drei Erzählungen, die der Manesse Verlag nun unter dem Titel "Im stillen Winkel" vereinigt hat, führen allesamt ein "von" vor ihrem Nachnamen. Es sind lebensuntüchtige Tonio Krögers, ästhetisch-empfindliche Detlev Spinells wie der Tagebuchschreiber in "Seine Liebenserfahrung", verspätete Hanno Buddenbrooks wie der kleine Paul aus der letzten, der Sammlung ihren Titel gebenden Erzählung. Überhaupt der Vergleich mit Thomas Mann, der vielleicht noch erhellender ist als der mit Fontane: Was bei Mann bisweilen bis ins Unkünstlerische eindeutig wird, schwebt bei Keyserling subtiler, nuancenreicher, realistischer. Die Motivik ist unterschwelliger und die Anschauung, das Sinnliche, behält ihre Herrschaft über das Symbolisch-Musterhafte, aber auch über den kritisch-psychologisierenden Intellekt.
Spürbar wird das in ganz wunderbaren Schilderungen, Landschaftsbeschreibungen, impressionistischen Skizzen von Schlossparks, Sommergärten, intimen Interieurs im dämmrigen Nachmittagslicht - Beschreibungen, die Tilman Krause einmal zu der Leseanleitung inspiriert haben: "Nicht lesen, schlürfen!"
Auch der Kitschvorwurf ist bisweilen nicht ganz aus der Welt zu räumen - wie oft allein das Wortfeld "dämmern" bemüht wird, grenzt ans unfein Hervorstechende. Doch Keyserling hat ja recht: Auch das Dämmern gehört zur Wirklichkeit und in seiner Liebe zu ihm unterscheidet sich der Sensible vom Rohen: "Das Feinste unseres Denkens liebt die Dämmerung", schreibt der dilettierende Schriftsteller Herr von Brühlen in der zweiten Erzählung.
Doch trotz aller epochentypischen Schwelgerei und fin de siècle-Getue, das die Erzählungen mal ernst, mal leicht ironisch durchschwebt - Keyserling kann auch das Wachsam-Zeitkritische, wie das von Tilman Krause verfasste Nachwort bemerkt. Keyserlings naturalistische Anfänge dringen hier an die Oberfläche, ohne allerdings unvornehm das Seelische zu verdecken.
So ist auch der stille Winkel, in den sich die Familie von der Ost in der letzten Erzählung zur Sommerfrische zurückzieht, nicht gefeit vor dem Einbruch der Wirklichkeit, wie er sich mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs vollzieht. Überhaupt ist diese im letzten Kriegsjahr, das auch das letzte Lebensjahr Keyserlings war, geschriebene Erzählung ein für Keyserling eher untypisches Werk, thematisiert sie doch die Folgen des beginnenden Krieges auf die Psyche des kleinen Jungen Paul von der Ost. Sie verbindet die Geschichte individuellen Leidens mit kluger Zeitdiagnose. Am Schluss stirbt Paul, wegen seiner Lebensschwäche von den Gleichaltrigen verspottet, einen ganz und gar unheroischen Tod und es bleiben die Worte: "Ein neuer Sieg war gemeldet worden." Worte über den Enthusiasmus von 1914, die im Jahr 1918 den Hohn über Chauvinismus und Kriegstreiberei soweit auf die Spitze trieben, wie es der Vornehmheit eines Eduard von Keyserling eben möglich war.