02.12.12

Rezension zu Dan Diner: Gedächtniszeiten


Das Gedächtnis der Gesellschaft

Dan Diners Aufsatzband „Gedächtniszeiten“ versucht eine Neuorientierung jüdischer und anderer Geschichte 


Kurz nach Veröffentlichung seines letzten Buches über das „Feindbild Amerika“ erschien 2003 ein neuer Band des bekannten Historikers Dan Diner. Ebenso wie sein Vorgänger besteht auch „Gedächtniszeiten. Über jüdische und andere Geschichten“ fast ausschließlich aus bereits veröffentlichtem Material. Ebenso wie bei seinem weniger akademisch daherkommenden Vorgänger schmälert dies jedoch nicht die durch die „Wiederkehr der Geschichte“ evozierte Aktualität der vorgetragenen Analysen.


In dem „statt eines Vorwortes“ dem Band vorangestellten Präludium „Über historische Paradigmenwechsel“ weist Diner auf die nicht zuletzt für die analytische Herangehensweise seiner Arbeiten grundlegende gegenwärtige Wende in der Geschichtswissenschaft hin. Er konstatiert tiefgreifende Veränderungen in den historischen Deutungsmustern, die sich im Wechsel vom Paradigma „Gesellschaft“ zu dem Paradigma „Gedächtnis“ anzeigen. Während „Gesellschaft“ dabei für die zeitliche Linearität von Entwicklung steht, deutet „Gedächtnis“ auf „eine simultan wirkende zeitübergreifende Vielfalt von Vergangenheiten“ hin – also auf eine Gleichzeitigkeit vielfältiger, miteinander in Konkurrenz tretender Vergangenheiten. Von eminenter Bedeutung ist die Auflösung der gewohnten Zeitenfolgen, die „Geschichte“ gemeinhin konstituieren.
Als Ursachen für einen solchen Paradigmenwechsel nennt Diner die beiden historischen Ereignisse, die im europäischen Kontext mit Gedächtnis eng in Zusammenhang stehen: der Holocaust und die Wiederkehr der Geschichte, wie sie sich nach 1989 vor allem auf dem Balkan zeigte. Die Zerstörung der historischen Zeitvorstellungen, die ein Ereignis wie der Holocaust mit seiner Gleichzeitigkeit ungleichzeitiger Zeiten darstellt, beschreibt Diner mittels der Metapher einer „gestauten Zeit“ – einer Kumulation von Zeit also, die nur erzählbar wird, wenn sie Vorausgehendes und Nachfolgendes interpretativ integriert. Im Falle des Holocaust ruft den Zeitstau der einmalige zivilisatorische Bruch des bürokratisch erdachten und industriell durchgeführten Massenmords durch und innerhalb einer im Vorhinein als zivilisiert geltenden Gesellschaft hervor. Im Falle des Balkankonfliktes ist es die nach dem Ende des Kalten Krieges eingetretene Wiederkehr von Vergangenheiten in Form einer Vormoderne und Nachmoderne verbindenden nichtnationalen, nichtterritorialen Geschichte. Diese Schwerpunktsetzung erlaubt es Diner, die im ersten Teil des Untertitels angeführte „jüdische Geschichte“ als Paradigma für die zu analysierende imperiale Geschichte des 20. Jahrhunderts jenseits von Nationalstaat erklären – kann doch angesichts der Mobilität und Ubiquität jüdischer Lebenswelten immer nur von der Geschichte verschiedener Judenheiten die Rede sein: „So kommt der jüdischen Geschichte als Geschichte von Juden für die ,allgemeine’ Historie geradezu die Bedeutung einer erkenntnisleitenden Warte zu.“
Im Falle des vorliegenden, aus verstreut veröffentlichten Aufsätzen bestehenden Bandes „Gedächtniszeiten“ stellen sich auf diese erkenntnisleitende Warte vor allem die letzten sieben Kapitel, die um „jüdische Geschichten“ kreisen. Aber auch die ersten sieben der 14 nicht chronologisch nach Erstveröffentlichung angeordneten Aufsätze profitieren von Diners kulturwissenschaftlichem Modell. So geht es ihnen vor allem um einen neuen Blick auf die „Konfliktachsen“ des 20. Jahrhunderts, die er in den Südosten Europas mit seiner nicht zuletzt geopolitisch – nach wie vor – virulenten Schnittstelle Orient – Okzident verlegt. Denn auch in der Interpretation dieses weitgehend multinational komponierten Konfliktraums greifen die alten Kategorien von Nation etc. nicht mehr. Aus dieser „östlichen“ Perspektive auf die Verwerfungen der europäischen Geschichte von Aufklärung bis ins 20. Jahrhundert hinein sucht Diner einen gemeinsamen Horizont von latinischer, orthodoxer und islamischer Kultur zurückzugewinnen, was ihm beispielhaft an der ihm ebenfalls als Metapher dienenden modernen Geschichte Griechenlands oder der Erörterung der „Orientalischen Frage“ nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reichs gelingt.
Eine solche räumliche Verschiebung der historiographischen Wahrnehmung nimmt Diner mit Bezug auf jüdische Geschichte in der Akzentuierung des Ostjudentums vor, oder besser der Akzentuierung des (hier dem von Diner dem „Judentum im Westen“ gegenübergestellten Begriff folgend) „jüdischen Volkes im Osten“. Während sich nämlich im Westen die Emanzipationsgeschichte der Juden als Emanzipation des Individuums zum Staatsbürger gerierte, wurde diese Entwicklung im Osten geradezu blockiert.
Das Dilemma, das angesichts des angesprochenen „Zivilisationsbruchs“ in Form des keinerlei ökonomischen oder utilitaristischen Zweckgebungen mehr folgenden Judenmords ergab, beleuchtet Diner vor allem in seiner Analyse der umstrittenen Vorgehensweisen der Judenräte. Vor die Entscheidung gestellt, durch vorläufige Kooperation mit den Nazis vielleicht weniger Opfer beklagen zu müssen oder um keinen Preis zu kollaborieren, befanden sie sich in einer historisch einmaligen ethischen Ausweglosigkeit. Diner schreibt: „Eine gemeinhin als lebenserhaltend anerkannte antizipierende Rationalität des Handelns führte die jüdischen Opfer praktisch in eine durch die Nazis veranlasste und die Selbstvernichtung in Kauf nehmende Paralyse.“ Erst dieses Dilemma vermag den Bruch mit allem Vorstellbaren zu verdeutlichen, den die Massenvernichtung darstellt.
Dan Diner gelingt es in seinen auch stilistisch höchst anspruchsvollen Analysen zur europäischen Geschichte, die Bruchlinien, die sich vor allem seit dem 19. Jahrhundert vielfältig quer durch den Kontinent ziehen, konsequent und innovativ nachzuzeichnen. Auch seine bedenkenswerten Gedanken über die Geschichte Israels oder die Folgen des Kolonialismus von der Levante bis Kaschmir profitieren in ihrer fraglosen Aktualität von dem neuartigen methodischen Zugriff, der diesen Band prägt. Für die jüdische, aber auch für die „andere“ Gedächtnis-Geschichte tragen Diners Aufsätze gewichtige Bausteine, aber auch nützliches kulturhistorisches Werkzeug bei, die dabei helfen (um den Titel eines früheren Buches von Diner zu zitieren), „das Jahrhundert zu verstehen“.


Dan Diner: Gedächtniszeiten. Über jüdische und andere Geschichten.

Verlag C. H. Beck, München 2003.
293 Seiten, 19,90 €.
ISBN 3-406-50560-0