08.12.12

Rezension zu Norbert Scheuer: Flussabwärts



Kall hat schon bessere Zeiten gesehen. Schon von Kelten und Römern wegen der Erzvorkommen geschätzt und früh besiedelt, erlebte der Eifelort im 16. Jahrhundert wegen seiner Bergwerkshütten Blüte und Aufschwung. Dann kam der Dreißigjährige Krieg, die Entdeckung billigerer Erzvorkommen in Übersee, die Zerstörungen im 2. Weltkrieg – Kall wurde zu dem, was es heute noch ist: ein vergessenes Städtchen am Rande der Welt, mitten in Europa.


Tragen wir nicht alle einen solchen Ort in uns herum? Leben wir nicht alle irgend wie in unserer eigenen unglücklich bezaubernden Eifel? Norbert Scheuer zeigt uns in den herben und nüchternen Bilder seines zweiten Romans diesen Landstrich in uns. Auch deshalb ist „Flußabwärts“, das in der Eifel spielt, ein beunruhigendes Stück Regionalliteratur in ihrem besten Sinne.
Das Genre der Dorfgeschichte umweht zumeist ein Hauch von sentimentalisierendem Kitsch, der das „einfache Leben“ in der Natur gegen die Verderbtheiten der Stadt ausspielt. Nichts von alledem ist hier zu finden. Viel zu präzise und verstörend wird hier in verhaltenem Sprachgestus von den Menschen dieses Ortes erzählt. Von der Mutter des Erzählers, die als Kellnerin Geld verdient, um ihre Schulden abbezahlen zu können, in einer Gaststätte, die früher ihr gehörte, und die einen trunksüchtigen Mann aushalten muss, der nur zu ihr kommt, wenn er frische Wäsche braucht. Von Lia, deren Ehe scheitert und deren Tochter in den Fluten der Urft umkommt, während sie Job und Verstand zu verlieren droht. Von Leo, dem Erzähler, der im Zementwerk arbeitet, dauernd müde ist und ein Verhältnis mit der verheirateten Ingrid hat, und von all den anderen, die ihr Leben nicht in den Griff kriegen.


Viel zu beklemmend sind all die kleinen Episoden geschrieben, in der Kantine, auf dem Parkplatz mit Tamaras Wohnwagen, auf dem verschneiten Sportplatz am Fluss. Überhaupt der Fluss. Scheuers Geschichte gelingt es, von einem alten Motiv auf unaufdringliche und lebendige Weise Gebrauch zu machen. Alles treibt dahin auf dieser Welt, wissen wir nicht erst seit Wilhelm Müller – „hinunter und immer weiter und immer dem Bache nach“. Wenn man liest, wie hier die Figuren dem Strömen und Sprudeln nachlauschen, wie das Wasser in seiner elementarhaften Gleichgültigkeit gegenüber den Unbilden des Menschenlebens alles heranspült, mit sich trägt und fortreißt, kleine Gummientchen und eine Kindermütze, wie alles wie ein trunkenes Schiff abwärts drängt, dann weiß man, das der Fluss der heimliche Protagonist des Geschehens ist. Er tritt über die Ufer, bringt eine Menge Dreck zum Vorschein und zieht sich wieder in sein Bett zurück, als wäre nichts gewesen.

Aber ist denn wirklich was gewesen, fragt uns der Erzähler nach hundertfünfzig Seiten voller vom Fluss des Lebens unterspülter Schicksale. Etwas, was angesichts des teilnahmslosen Rauschens der Zeit noch erzählenswert wäre? „Niemand kann wirklich alles erzählen“, lautet schließlich der Satz, mit dem der Roman uns in unser eigenes kleines Eifeldorf voll kummervoller Schönheit entlässt.

Norbert Scheuer: Flussabwärts