11.12.12

Rezension zum Hörbuch "Spannungen. Jürgen Goslar liest Rainer Maria Rilke."

„... eine Spannung, die nicht brechen wird.“ 



Jürgen Goslar liest Rainer Maria Rilke 

„Das Verständliche an der Sprache ist nicht das Wort selber, sondern Ton, Stärke, und Modulation, Tempo, mit denen eine Reihe von Worten gesprochen wird – kurz die Musik hinter den Worten, die Leidenschaft dieser Musik, die Person hinter der Leidenschaft, alles das also, was nicht geschrieben werden kann.“ Was Friedrich Nietzsche hier für die Sprache beansprucht, offenbart sich in einer Kunst, die derart vom Klang lebt wie die Lyrik, freilich besonders. Und wenn es eine Dichtung des 20. Jahrhunderts geben sollte, die diesen Klang am nachdrücklichsten fordert, so ist es die Rainer Maria Rilkes. Zahlreiche Interpreten wie Gert Westphal, Will Quadflieg oder Oskar Werner haben gezeigt, auf wie vielfältige Weise das Rilkes Gedichten eigene Potential belebt werden kann. Bei wohl keinem anderen deutschsprachigen Dichter stehen die epigonenhaften Anfänge und die weit ausstrahlende Meisterschaft des Spätwerks in einem solch krassen Widerspruch zueinander wie bei Rilke, in einem Widerspruch, der zwischen den „Ersten Rosen“ (entst. 1898) mit ihrem „Duften“ „wie ein leisleises Lachen“ und der „Rose des Zuschauns“ der Fünften Elegie (1922) solche Spannungen entstehen lässt, dass man zu glaubt, sie stammten nicht aus der Feder ein und desselben Künstlers.
„Spannungen“ lautet daher auch der sinnreiche Titel der beiden CDs, auf denen der Schauspieler und Regisseur Jürgen Goslar seine Interpretation von Rilkes Frühen Gedichten und den Duineser Elegien vorlegt. Der Titel der ersten CD, „Frühe Gedichte“, ist dabei ein wenig irreführend. Die hier versammelten 66 Gedichte entstammen nur zu etwa zwei Dritteln dem Textkorpus, unter dem man gemeinhin das Frühwerk (von den Gedichtbänden „Larenopfer“ (1895), „Traumgekrönt“ und „Advent“ bis etwa zum „Buch der Bilder“ (bis 1906)) begreift; der dritte Teil besteht fast vollständig aus den in Rilkes Lebensmitte entstandenen „Neuen Gedichten“. Und tatsächlich liegen – rein zeitlich gesehen – zwischen der Aufzeichnung der letzten Gedichte des 1907/08 erschienenen Bandes und dem Inspirationserlebnis auf Schloss Duino nur etwa drei Jahre. Literaturgeschichtlich gleichwohl steht zwischen den beiden Werken eine halbe Epoche. 

Zwischen der Zehnten Duineser Elegie und einen Gedicht wie „Blondköpfchen“ („sternt es ins Stäubchentreiben?“) liegt allerdings mehr als eine ganze. Die Spannungen, die sich hieraus ergeben, hörbar zu machen, gelingt Goslar auf eindrucksvolle Weise. Die Gedichte der ersten CD, die in nicht ganz eingängiger Kategorisierung in „Jugend und Liebe“, „Lieben“ und „Liebes- und Gedankenlyrik“ unterteilt sind, werden von Goslar konzentriert vorgetragen. Er liest hier oft zart, mit leiser, manchmal bebender Stimme. Zum Teil gerät er, wo es sich anbietet („Blaue Hortensie“, „Das Karussell“) in geradezu märchenhaftes Erzählen. Die Betonung liegt stets auf dem Text, auch dort, wo dieser seine Schwächen hat. Nie will Goslar mehr aus einem Gedicht herausholen, als das, was Rilke hineingelegt hat, aber auch kaum weniger. Es geht ihm nicht darum, die vereinzelten lyrischen Unsicherheiten und Überspanntheiten lächerlich zu machen, ebenso wenig versucht er, sie durch hervorgekehrte Virtuosität zu überspielen. Auch den Kitsch („Da bohrte sich mit wonnewilder Kraft / aus deines Herzen weißem Liliensamen / die Feuerlilie der Leidenschaft“) liest er als solchen. 

Im Vordergrund steht eine Art sanfter Schmelz, lyrische Zärtlichkeit des Lauschens und Staunens, die freilich bisweilen von überraschender Vehemenz unterbrochen wird (z. B. in „Die Städte aber wollen nur das Ihre“ aus dem „Stundenbuch“). Bereits hier, innerhalb der frühen Gedichte, finden sich also Spannungen in verschiedenste Richtungen. Nicht immer werden diese von Goslar auch hörbar gemacht: Die beiden Gedichte aus dem „Buch der Bilder“ und den „Neuen Gedichten“, die den Titel „Die Liebende“ tragen (und im Vortrag geschickterweise direkt aufeinander folgen), unterscheiden sich in ihrer lyrischen Haltung stark; kennte man nur Goslars fast nivellierende Interpretation, so könnte man sie wohl kaum in die richtige Phase der lyrischen Entwicklung Rilkes einordnen. 

Der Vortrag der zweiten CD, auf der alle zehn Duineser Elegien versammelt sind, ist fast durchgängig verhaltener, ernster. Goslars Stimme wirkt hier atemlos, erschöpft, wie ein letztes Aufbäumen der Sprache vor dem Verstummen. Die Elegien sind kaum gedichthaft vorgetragen und erinnern in ihrem Sprachduktus eher an die Prosa des „Malte“. Goslar liest in zum Teil wiegenden, zum Teil stockenden Ton, der dann in Fließen übergeht. Offensichtliche Verzweiflung wird durch Emphase („Singe die Liebenden“) abgelöst. Die Ausrufe, die rhetorischen Fragen, die vereinzelten Assonanzen, die weniger aufdringlich als bei den frühen Gedichten mit ihrem „lauter Lauschen und Staunen“ sind, erhalten im Vortrag ihren wohl bemessenen Platz. Hier hat man das Gefühl, die Elegien verständlicher gemacht zu bekommen, weil der Sprecher ihrem Verständnis selber nahegekommen ist. Auch die Verunsicherung, so der Eindruck, ist hier noch souverän. Die Vorsicht, mit der Goslar an den Text herantritt, hindert ihn nicht daran, an den geeigneten Stellen („Ein jeder Engel ist schrecklich“) behauptend oder gar vorpreschend zu lesen. Durch diesen steten Wechsel entsteht auch innerhalb der Elegien eine „elastische Spannung, die nicht brechen wird“, wie es Rilke über Rodin sagt. 

Nicht ganz so souverän wie die Interpretation Goslars, die gerade an den Duineser Elegien ihre ganze Ausdruckskraft zeigen kann, kommt die äußere Gestaltung der CDs daher, deren Cover leider keine Quellenangaben aufweist, dafür aber Druckfehler in den Titeln der Gedichte. Diese sind zudem weder streng zeitlich noch sonst wie ersichtlich angeordnet. Die Gedichtauswahl ist natürlich einfach zu kritisieren, wird man doch immer ein Gedicht finden, dass einem vielleicht besser gefällt. Hier sei nur gesagt, dass angesichts der Gleichartigkeit mancher frühen Gedichte eventuell weniger mehr gewesen wäre. 

Rilke selber hat in einem Brief betont, dass allein über dem Lautlesen des Gedichts „sein ganzes Dasein sich herausstellt“: „Wie vielen Lesenden fehlt noch die wirkliche Beziehung zum Gedicht, weil sie, im stillen Darüberhinlesen, seine besonderen Eigenschaften nur eben streifen, statt sie sich zu erwecken.“ Auch wenn dem Dichter die Vorstellung widerstrebte, seine Gedichte würden von einem Schauspieler gelesen, so ist es doch die gleichzeitig zurückhaltende und eindringliche Vortragskunst Goslars, die dazu beiträgt, eine solche wirkliche Beziehung zum Gedicht entstehen zu lassen, treu nach Schiller: „Denn das Gemeine geht klanglos zum Orkus hinab.“ 

Spannungen. Frühe Gedichte – Duineser Elegien. Jürgen Goslar liest Rainer Maria Rilke. 
Random House Audio, München 2002. 
2 CDs, 123 Min. 19,50 € 
ISBN 3-89830-346-2 

Rezension erschienen auf: literaturkritik.de