13.01.13

Ein Dokument erzählerischer Meisterschaft - Rezension zu Raymond Kennedy: "Am Rand der Welt"


Raymond Kennedys „Am Rand der Welt“ erzählt von einer unerhörten Begebenheit im Schnee und meditiert dabei über Identität, Einsamkeit und Tod.


Die Hütte in den Wäldern, in den Bergen, am See, ist einer der Urschauplätze der US-amerikanischen Kultur. Sie verspricht dem unter den Unbilden der modernen Zivilisation leidenden Mann (denn von Frauen wird so etwas nicht erzählt) ein Leben fernab der Städte mit ihren schädlichen Reizen, den Rückzug auf sich selbst in Zeiten der Krise und Verstrickung, eine Alternative zu den alltäglichen kleinen Abhängigkeiten von Frau, Familie und Firma. Thoreau erträumte sich ein unabhängiges und selbstbestimmtes Leben in seiner kleinen Hütte in „Walden“, sie ist der heimliche Protagonist in Fernsehserien wie „Ein Mann aus den Bergen“ und noch bei Philip Roth oder zuletzt Tim Parks verstecken sich die Helden in ihrem „Hideaway“, um über Literatur, Liebe und Leben nachzudenken.
Auch in der Novelle „Am Rand der Welt“ des US-amerikanischen Schriftstellers Raymond Kennedy nimmt die Handlung ihren Ausgang in einer eingeschneiten Hütte. Jack, ein Witwer von 72 Jahren, hat sich in die Wälder zurückgezogen und lebt dort ohne Uhr und Telefon, dafür mit seinem Hund und einer zerlesenen Zeitschrift. Kennedy verrät uns den Namen der Region nicht, in der die Novelle spielt, man stellt sich die Rocky Mountains, vielleicht in Idaho oder Montana, vor. Doch bald merkt der Leser, dass es auf eine genauere Lokalisierung nicht ankommt. Denn nach einem noch realistisch anmutenden Beginn driftet die Geschichte langsam ins Phantastische ab.

Jack hört ein Geräusch und verlässt seine Hütte. Draußen findet er einen nackten Mann im Schnee, bewusstlos, blutend, nur einen Schuh tragend. Was geschehen ist, ist unklar. Als der Fremde, der sich Dick nennt, wieder zu sich gekommen ist, entspinnt sich bald eine recht eigenartige Beziehung zwischen den beiden. Des öfteren kommt es dem Leser so vor, als kennten sich beide schon seit langer Zeit, aus einem früheren Leben in den Städten etwa – so unverschämt, so herablassend reagiert dieser Dick, nachdem er sich Jacks Kleidung geliehen hat, auf dessen Hilfe. Dick scheint es gewohnt zu sein, dass man ihn hofiert und dass er die Befehle erteilt.
Nach dem Frühstück verlassen die beiden Männer die Hütte und machen sich auf einen Marsch durch den schneebedeckten Wald. Dicks Verhalten wird immer bizarrer, doch auch Jack offenbart Züge, die erraten lassen, warum er das Leben in der Hütte gewählt hat. Die Unterhaltung wird heftiger, Dick beschimpft Jack als Waldschrat, als verstockten alten Spinner ohne Freunde. Schließlich wird die Situation verfahren und dreht sich im wahrsten Sinne des Wortes im Kreis – bis zu einem mehr als rätselhaften Ende im Schnee, an dem sich noch einmal alles wendet. Man kann das Ende (man kennt Gleiches aus einschlägigen Filmen und Büchern) ab einem bestimmten Punkt vorhersehen. Es gelingt Kennedy dennoch, den Umschlag des Erzählten so subtil zu erzählen, dass man trotz der „Ent-Täuschung“ nicht enttäuscht ist.
Es geht hier nicht um die normale Begegnung zweier einander Fremder in einer Notsituation. Worum es indes wirklich geht, überlässt Kennedy dem Leser. Man kann diese von Isabel Klett etwas zu realistisch und kinderbuchhaft illustrierte Geschichte als eine philosophische Abhandlung über die Einsamkeit, über Identität, über das Altern oder über den Tod – oder alles zugleich – lesen. Und man kann sich vom Archaischen, Urtypischen der Szenerie, von der Beckettschen Absurdität der Figuren, von der Klarheit und Kargheit der Sprache für einige Stunden ins Phantastische hinübertragen lassen. Dass sich in „Am Rand der Welt“ beides nicht – wie sonst oft – ausschließt, darin zeigt sich Kennedys erzählerische Meisterschaft.



Raymond Kennedy: Am Rand der Welt. Novelle. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Hans-Ulrich Möhring. Mit Illustrationen von Isabel Klett. Klett-Cotta, Stuttgart 2006.
91 Seiten, 12,00 €. ISBN 3-608-93729-3.