23.02.13

Der Schock und die Reinheit der ersten Augenblicke - Rezension zu Philippe Djians "In der Kreide"



Hat man erst einmal ein oder zwei seiner Bücher gelesen, so kann man sich schon denken, dass die Namen von Philippe Djians literarischen Säulenheiligen nicht Flaubert, Proust oder Nabokov lauten. Der Autor von „Kultbüchern“ wie „Betty Blue“ und „Erogene Zone“ hält es eher mit den Vertretern einer Literatur, an der noch der Geruch des Lebens haftet, aus dem heraus sie entstanden sind und das sie versuchen abzubilden: der Geruch nach Leder und Stahl, nach Schweiß und Haut und nach dem Himmel über dem Meer. Solche Schriftsteller, die den Geruch des Lebens in ihren Werken verströmen lassen, heißen Blaise Cendrars, Jack Kerouac oder Henry Miller. Es handelt sich dabei um Namen, auf die man sich – gefragt nach literarischen Vorlieben – im Allgemeinen nicht zu berufen pflegt. Selbst so mancher Schriftsteller, der es ernst mit seiner Karriere meint, nennt lieber Cervantes, Stendhal oder Dostojewskij, als dass er sich die Blöße geben und Gefahr laufen wollte, als literarischer Ignorant zu gelten, dessen ästhetischem Urteilsvermögen die geweihten Sphären der Kunst auf immer verschlossen bleiben werden.



Cendrars, Kerouac, Miller, auch Salinger und Céline (deren Leistung dem deutschsprachigen Leser erst jetzt, nach dem Erscheinen ebenbürtiger Neuübersetzungen offenbar werden kann), oder auch Herman Melville und Richard Brautigan – so heißen einige der Mitglieder im Club der poètes maudits, deren Vorsitzende vielleicht – wäre das „Vorsitzen“ an sich nicht eine so unliterarische Angelegenheit – Ernest Hemingway oder Raymond Carver wären. Verrückte des Schreibens, die ihr Leben auf Spiel gesetzt haben, um Wörter aneinander zu reihen und sich Geschichten auszudenken, die sie vielleicht einige Zeit überdauern würden.
Über diese Schriftsteller, von Salinger bis Carver, legt der mittlerweile 55-jährige Djian nun Rechenschaft ab. Ihre Werke waren es, die den jungen Mann vom zwanzigsten bis zum dreißigsten Lebensjahr nicht nur begleitet, die nicht nur seine Arbeit beeinflusst, nein, die sogar sein Leben verändert haben und eingeschlagen sind „wie ein Meteoritenregen“. Die Liste wird noch ergänzt – anfangs ein wenig überraschend, dann aber doch nicht – durch den Namen William Faulkners. Bis auf zwei Ausnahmen, Céline und Cendrars, handelt es sich um Amerikaner, was bei Djian ebenfalls alles andere als verwunderlich ist, wissen wir doch, dass er seinen literarischen Kompass stets nach Westen ausgerichtet hat und dass er eher noch als unter Schriftstellerkollegen die wahren Leitsterne seines Werks unter Popikonen wie James Dean, Marlon Brando oder Bob Dylan zu suchen pflegt. (Ebenso wenig verwundert, dass es sich ausschließlich um Männer handelt.)
Der Begriff „Leitsterne“ trifft die Sache zudem viel eher als das eingangs benutzte Wort „Säulenheilige“. Es geht Djian bei seinem Rundgang durch die Bücher seines Lebens nicht um einen Kanon oder um sonst ein allgemein gültiges Richtmaß, das er anderen vorhalten wollte. Er will keine Rangliste der zehn besten Autoren aufstellen. Es geht ihm um Orientierung in der Fülle der Einflüsse, die auf ihn von seiten der „Schönen Literatur“ eingeströmt sind, noch bevor er selber zu schreiben angefangen hatte. Er besitze ungefähr so viel universitäre Kompetenz wie ein Neugeborenes – im Gegensatz zum Verfasser von „Lolita“, dem „alten Rechthaber“ Nabokov, der bei Djian auch sonst nicht gut wegkommt. Das Einzige, was er in die Wagschale seines Urteils werfen kann und will, ist sein subjektives Empfinden und die Entschlossenheit, es kundzutun. Es gehöre eine große Portion Mut dazu, seine Begeisterung über einen Gegenstand auszusprechen, der ansonsten nicht gerade die unbezweifelte Weihe der E-Literatur besitzt (um diese Unterscheidung zwischen E und U und ihre Aufhebung geht es Djian tatsächlich noch immer). Man müsse sich nicht für minderwertig halten, wenn man bei der Lektüre von Proust oder Flaubert Langeweile verspürt.
Selbst, wenn man mit Djians Liste nicht durchgängig etwas anfangen kann und einem Romanciers von Bedeutung sind, die er ablehnt (neben den bereits genannten auch Valéry oder Pascal), so mutet die unangestrengte Unbekümmertheit, mit der er vermeintlich heiligen Boden betritt, erfrischend und wohltuend an. Warum sollten wir ein drei Jahrhunderte altes Werk noch für so neubacken halten wie am ersten Tag, wenn uns schon Stummfilme nicht mehr frei von ungewollter Komik berühren können? Wie alles auf der Welt, so Djian, sei auch die Literatur dem Wandel der Zeiten unterworfen, und die Aussage, die wichtigsten Bücher seien eh schon geschrieben, stelle nur die Ausrede der Faulen dar, es nicht weiter zu versuchen.
Djian liefert in den zehn Literaturminiaturen keine Deutungsanalysen, die den Leser von der Bedeutsamkeit des Vorgestellten überzeugen sollen, sondern – simple, subjektive und daher wieder äußerst überzeugende – Lektüreeindrücke. Das hat etwas Nostalgisches. Der alternde Schriftsteller erinnert sich an die großen Erfahrungen seiner Jugend, und das erste Buch ist ihm gleichsam wie die erste Frau, die man später stets vergeblich wiederzufinden hofft: er sucht „den Schock und die Reinheit der ersten Augenblicke“.
Unter den versammelten Werken, zumeist Romanen, finden sich ein paar kleine Überraschungen. So ist es beispielsweise nicht Célines berühmte „Reise ans Ende der Nacht“, die den jungen Lesenden verblüfft, sondern der unbekanntere Roman „Tod auf Kredit“. Und nicht Faulkners Südstaatenepos „Licht im August“ schlägt ihn in Bann, sondern der Roman „Als ich im Sterben lag“.
Das Schöne an Djians Herangehensweise ist, dass es ihm mühelos gelingt, seine Gefühle bei der Lektüre den Leser nachempfinden zu lassen, selbst wenn dieser die erwähnten Werke nicht kennt. Es geht Djian dabei immer wieder um die Schönheit und den Rhythmus der Sprache, um die Angemessenheit des Stils, um die Klarheit und Reinheit des Ausdrucks, um die Intensität der Erfahrung. All das dürfen wir mit ihm miterleben und werden mit sanfter Hand gezwungen, in das Meer dieser Literatur einzutauchen und dort einiges von unserer Jugend heraufzuholen – sei es wieder, sei es zum ersten Mal.



Philippe Djian: In der Kreide. Die Bücher meines Lebens. Über Salinger, Céline, Cendrars, Kerouac, Melville, Henry Miller, Faulkner, Hemingway, Brautigan, Carver.
Diogenens, Zürich 2004.
128 Seiten, 16,90 EUR
ISBN 3-257-06388-1