09.03.13

Rezension zu Mariana Leky: Erste Hilfe

Es gibt Ängste, die gibt es gar nicht. Zumindest dürfte es sie gar nicht geben. Die Angst vor Sonntagvormittagen beispielsweise, oder vor Lärm oder Stille, vor Blumen oder Bärten, oder davor, vor anderen Leuten zu essen. Oder eben davor, über die Straße zu gehen – eine Angst, die Matilda befallen hat, die Protagonistin in Mariana Lekys Romandebüt „Erste Hilfe“. Eigentlich wollte sie nur ihren Hund ausführen, nun aber läuft sie stundenlang um den Häuserblock, glaubt verrückt zu werden und zieht schließlich bei Sylvester und der Erzählerin ein. Deren erste Hilfe führt Matilda in die Praxen mehrerer Psychotherapeuten, in überfüllte Uni-Mensen, wo sie absichtlich Tabletts fallen lassen soll, und zum Weihnachtsessen mit den Eltern auf dem Land.

Viel mehr geschieht eigentlich nicht, eine Ereignislosigkeit, in der sich die Figuren leidlich eingerichtet haben. „Was ist denn passiert, außer eigentlich nicht viel?“, fragt die Erzählerin, und der Leser muss antworten: „Nein, eigentlich sonst leider nichts.“ Die schlimmste Angst der drei Freunde, die zusammen mit dem größten Hund der Welt in einer WG leben, ist die Angst davor, Angst zu haben. Also müssen sie Wörter finden, die nichts mit Notfällen zu tun haben (Mulde, Pinguin, Valparaiso, Knolle, Sitzgarnitur), müssen Riesenrad fahren oder fade Therapeutensätze über sich ergehen lassen: „Ich bin in der Realität. Ich schaffe es.“

Aber mit der Realität ist es in diesem Roman so eine Sache, dafür sorgt vor allem seine Sprache, die Leky mit meisterhafter Hand einsetzt. Eine Sprache, die immer ein kleines bisschen daneben liegt, aber die Dinge trifft, unprätentiös, musikalisch, aber eher wie die Musik von Tom Waits.

Die drei Protagonisten, der Frauenschwarm Sylvester, der sich dauernd bei seinen Verehrerinnen verleugnen lässt, die Erzählerin, die in einem Tiergeschäft jobbt und doch eigentlich studieren müsste, und eben die paralysierte Matilda, versuchen beflissen, in der Realität anzukommen, doch die scheint sich ihnen immer irgendwie zu entziehen. Leky ist Realistin, aber eine mit der Lust am Trugbild. Sie blickt auf die kleinen Dinge ihrer Geschichte, so lange, bis sie einem fremd werden. Unwirklich erscheint gerade das, was am klarsten daherkommt, schleierhaft, geradezu gespenstisch. Die Figuren selbst sind eigentlich nichts als Hirn-Gespenster. Am Schluss spricht sogar der Hund.

So eine Geschichte kann man sich nur in einer Großstadt vorstellen, sagt Mariana Leky, die 2001 mit dem Erzählband „Liebesperlen“ erfolgreich debütierte und nun einen Roman von ähnlichem „Weltgehalt“, aber viel größerer Dichte vorgelegt hat. Ein richtiger Großstadtroman ist also daraus geworden, und in seine Stadt kommen die Leute, um zu leben, die Heldin aber getraut sich nicht einmal, die Straße zu überqueren. Leky macht sich einen Spaß daraus, Rilkes „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ für sich und ihr Jahrhundert neu zu schreiben. Aus Malte wird Matilda, seltsame Neurosen und große Hunde gibt es, und sogar der Praktikant der Therapeutin kommt aus Dänemark. Nur der Schock ist nicht mehr da, die Reizüberflutung der modernen Metropole, mit der die Figuren ja längst vertraut sind.

Auch die Kindheit mit ihren schweren Tagen spielt hier keine große Rolle, denn die Therapeutentochter Leky will nicht analysieren. Sie beschränkt sich auf das, was sie wirklich kann: auf das leise, aber eindringliche Erzählen von Geschichten aus dem mehr oder weniger beschädigten Leben. Sie erzählt sie ernst und abgeklärt, aber mit viel Humor. Irgendwie schafft sie es dann, wie eine vertraute Freundin zu wirken. Manchmal möchte man ihr geradezu die Chronik seiner eigenen Ängste anvertrauen, auf dass sie darüber schreibe – dann wären sie vielleicht doch nicht ganz überflüssig.

„Alles kann eigentlich so weitergehen“, folgert die Erzählerin am Ende. Hier geschieht also eigentlich auch nicht viel. Die eine Angst kommt, die andere geht vorbei. Ein Hund spricht, und es klingelt an der Tür. Es ist fast, wie die Erzählerin sagt, „als hätte es gerade zum ersten Mal beinahe angefangen mit dem Vorbeigehen“.







- Mariana Leky: Erste Hilfe. DuMont Verlag, Köln 2004. 189 Seiten, 17,90 EUR.