02.03.13

Romeo und Julia in Damaskus. - Rezension zu Rafik Schami: Die dunkle Seite der Liebe


Es fällt nicht leicht, über ein Buch zu richten, an dem der Autor nach eigenen Angaben über einen Zeitraum von mehr als dreißig Jahren gearbeitet hat, noch dazu, wenn dieser Autor eine derart einnehmende Gestalt wie Rafik Schami ist und sich das Einnehmende seines Wesens in beinahe jeder Zeile seines Werkes wiederfinden lässt. In einem als Werkstattbericht gehaltenen Epilog seines Romans „Die dunkle Seite der Liebe“ gibt Schami autobiographische Auskunft sowohl über den Anlass des Werkes als auch über die zahlreichen Anläufe, Abbrüche, Wiederaufnahmen und die endliche Fertigstellung der inzwischen auf 900 Seiten angewachsenen Geschichte. Um den Anlass herum, ein Erlebnis des Sechzehnjährigen im Damaskus des Jahres 1962, haben sich mit der Zeit und der Arbeit andere Geschichten versammelt, die gemeinsam das große Mosaik der syrischen Gesellschaft ergeben, die der Roman darstellen will.


Ein Jugendtraum also, den sich der Sechzigjährige erfüllt hat. Der Rezensent sieht sich somit vor der schwierigen Aufgabe, ein unzweifelhaft starkes und außergewöhnliches Buch zu loben, ohne über seine deutlich zu Tage tretenden Schwächen hinwegzusehen, diese aber auch nicht den Blick auf die ungeheure Gesamtleistung verstellen zu lassen. Bei einem derart gut erzählten und raffiniert gewebten Erzählteppich dürfen die Mängel ruhig einmal hintanstehen.
Es stellt einen geschickten Kunstgriff Schamis dar, den Nukleus der Geschichte, eine arabisch-christliche Variante des Romeo-und-Julia-Stoffes, nur zu Beginn anzudeuten, ihn hin und wieder motivisch anklingen zu lassen und ihn schließlich, ohne Hast und mit der Ausführlichkeit orientalischer Geschichtenerzähler, die gesamte zweite Hälfte des Romans dominieren zu lassen. Zu Beginn stehen die den Protagonisten Farid und Rana vorhergehenden Generationen im Vordergrund, die christlich-arabischen Sippen der Muschtaks und der Schahins, die sich zu Großvaters Zeiten in einem kleinen syrischen Bergdorf überworfen haben und deren Fehde nun die Nachkommen erleiden, büßen und erneuern müssen. Schami zeigt keinen richtigen Ausweg aus dieser Welt der Vendetta, es gibt keine Figur, die eine Lösung aus dem Dilemma wüsste, am Ende bleibt allein die Flucht, die Reise ins ferne und gelobte Europa. In einigen wenigen Figuren des Romans scheint dennoch so etwas wie Hoffnung auf – vor allem den Frauen und unter diesen besonders Farids Mutter Claire, der eigentlichen Heldin des Romans, kommt die Rolle einer möglichen Erlösung zu. Mit ihrer Emanzipation, so deutet der Gang der Erzählung an, könnte es gelingen, dem zerstörerischen Teufelskreis von Mord und Rache zu entkommen.
Die Problematik der Mesalliance in einer durch Stammesfehde geprägten Gesellschaft wird durch den zwangsweise langatmigen Aufbau derart nachvollziehbar, dass man früher oder später davon überzeugt ist, es handle sich bei Romeo und Julia um einen genuin arabischen Stoff. Man schlägt es nach und findet tatsächlich Geschichten wie diejenige von Madschnun Laila und unbekanntere, so dass man irgendwann glaubt, die gesamte morgenländische Literatur gründe auf nichts als auf dem unlösbaren Widerspruch zwischen dem Gesetzeszwang der Sippe und dem Liebesanspruch des Einzelnen. Oder, wie es über Farid Muschtak, den syrischen Romeo des Romans, gesagt wird: „Da hatte er gelernt, dass Liebe in Arabien stärker von den Angaben im Ausweis als vom Gefühl im Herzen abhängt.“
Der Erzähler fährt an dieser Stelle fort: „Und das wissen nur Erwachsene.“ Stilistisch mag man von solchen häufig wiederkehrenden Stellen halten, was man will – das Hineinschliddern ins Reich des Kitsches dürfte bei einem Roman mit diesem Titel nicht ganz vermeidbar sein. Trotzdem aber unterbrechen derartige erzählerische Kniffe die eigentliche Handlung oft auf das ungünstigste. Man kann jedoch zugute halten, dass Schami zuweilen (nicht immer) auf ein Erzählmuster zurückgreift, das dem an klassisch westlichen Vorbildern geschulten Leser angenehm befremdlich vorkommen mag. In der Mitte des Romans versiegt der Fortgang der Handlung gar in einer zwar amüsanten, aber doch fragwürdigen bruchstückhaften Ansammlung von Geschichten und Geschichtchen. Aber auch solche, im einzelnen eher blind motivierten Teile gehören für Schami zu einem wahren Mosaik. Das Ganze wie einen Krimi aufzubauen, in dem ein Kommissar durch die Recherche eines Mordes auf die dahinterliegende Geschichte der Blutfehde stößt, stellt freilich einen entbehrlichen Kunstgriff dar und ist das, was man am Roman als erstes wieder vergessen hat.
Was sich hingegen nicht vergessen lässt, sind Szenen (oder Steinchen, um im Bild zu bleiben) von bezaubernder Schönheit, von großem Humor, von lebensfroher Obszönität und Erotik, aber auch von Gewalt und Grausamkeit. Allein dass Schami dergleichen geschrieben hat, sollte man ihm mit zwei- oder dreimalig wiederholter Lektüre danken.



Rafik Schami: Die dunkle Seite der Liebe. Roman.
Hanser, München 2004.
896 Seiten, 24,90 EUR
ISBN 3-446-20536-5