16.04.13

Buchkritik zu Isaac Bashevis Singer: "Ein Bräutigam und zwei Bräute"

So sind die Menschen eben, ob Juden oder nicht, und da ist es doch nur eine Frage der Ehrlichkeit, sie auch so zu schildern: Als Prostituierte, Diebe, Ehebrecher, Heiratsschwindler oder übereifrige Konvertiten, in all ihrem Wankelmut, ihrer
Unbeständigkeit, ihrer Heuchelei und Niedertracht. Sie leben ihre kleinen Schicksale mal tragisch, mal fröhlich, mal grotesk, mal anrührend, und fügen mit ihnen der langen Geschichte der Tyrannei der Leidenschaften nur weitere Variationen hinzu. Isaac Bashevis Singer, der diese Welt mit Vorliebe in den Schtetln und Ghettos Polens ansiedelte, wurde einmal gefragt, ob es nicht antisemitisch sei, dass er stets über jüdische Diebe und jüdische Huren schreibe. „Ich schreibe eben über die Diebe und Huren, die ich kenne“, lautete die Antwort. Was soll man machen? So sind sie eben, die Menschen.
Zum hundertsten Mal jährt sich im Sommer der Geburtstag des Literaturnobelpreisträgers von 1978. Isaac Bashevis Singer wurde am 14. Juli 1904 im polnischen Radzymin geboren und zog schon bald mit seiner Familie ins nahe gelegene Warschau. Sein Vater war Rabbi und hatte im Haus Nr. 10 der Krochmalnastraße einen Beth Din, in dem er Rat gab, zwischen Streitenden vermittelte, Jugendlichen Talmudstunden gab und vor allem und am liebsten, wenn man ihn nur in Ruhe lassen wollte, sich den Heiligen Büchern zuwandte.



Was der Sohn, der häufig zu Nachbarn und Fremden eilen musste, um sie an seines Vaters „Hof“ zu rufen, von all diesen Menschen und Schicksalen mitbekam, erinnerte später der zum Schriftsteller gewordene Mann. Von seiner Kindheit im übervölkerten jüdischen Viertel Warschaus erzählte Singer in zahlreichen „Short stories“, die in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts entstanden. Singer, der nach seiner Emigration in die USA 1935 beim „Jewish Daily Forward“ Arbeit fand, veröffentlichte dort auch die autobiographisch akzentuierten Geschichten, von denen einige später unter dem Titel „In My Father’s Court“ („Mein Vater, der Rabbi“) erschienen.

Der nun pünktlich zum Jubiläum auf Deutsch erscheinende Band „Ein Bräutigam und zwei Bräute“ stellt eine posthume Fortsetzung zu diesen ersten Erinnerungsstücken dar. Der Titel ist gut gewählt, geht es bei den Geschichten aus einer längst vergangenen Welt doch vor allem um die Kalamitäten, in die die Menschen durch die persönlichste und zugleich öffentlichste ihrer Beziehungen, die Ehe, wieder und wieder zu gelangen pflegen. Verbindung und Trennung, Hochzeit und Scheidung, manchmal auch Wiedervereinigung – dies sind die Federn, die die Jüdinnen und Juden des Viertels antreiben und dank derer sie schließlich den Weg zum Rabbi einschlagen.

Welche Komplikationen entstehen, wenn ein junger Mann eine Prostituierte zur Frau nimmt und die Hochzeitsgesellschaft, bestehend aus Dieben, Zuhältern und Freudenmädchen, im Gerichtshof des Rabbis einfällt, der Frauen nicht einmal ansieht; wenn ein Konvertit aus Russland im Bethaus zu Gast ist und mit seiner „gojischen Frömmigkeit“ die Chassidim zum Lachen und Fluchen bringt; wenn Rabbi und Rebbezin sich nach vierzig Jahren Ehe scheiden lassen wollen, weil der Mann ins Heilige Land gehen will, die Frau aber ihre Kinder und Enkel nicht verlassen kann – dies alles schildert der Erzähler in warmherzigem und mitfühlendem Ton, und seine Beschreibungen verlieren durch den zeitlichen Abstand des Rückblickenden zu den Ereignissen weder an Reichtum noch an Kraft.

„Nicht nur oben im Himmel gab es Geheimnisse, sondern auch hier unten auf der Erde“, resümiert der Erzähler, der als Junge nichts heftiger ersehnte, als endlich erwachsen zu werden und Zugang zu diesen Geheimnissen zu erlangen. Die beschränkte Perspektive des Jungen, der oft genug aus dem Zimmer gehen muss, wenn das Gespräch der Erwachsenen auf heikle Themen kommt, und selbst von dem, was er hört und sieht, nur wenig versteht, gibt den einzelnen Geschichten ihren inneren Zusammenhalt. Die Fülle des Lebens ist schier unendlich, doch in der Erinnerung des Schreibenden erhält sie ihre Form: „Die Tür ging auf, und herein trat ...“ – das Leben in seiner Fülle. So werden diese Skizzen nicht zuletzt auch zum ausdrucksvollen Zeugnis der Education sentimentale eines „kleinen Jungen mit roten Schläfenlocken“, der die Schriften studieren soll und doch ganz anderes im Kopf hat.

Das ist natürlich weniger allzujüdisch als nur allzumenschlich, umso mehr, als es hier doch um die Liebe zu Menschen und zu Gott geht, um Betrug, Trennung und Tod. Und doch gelingt Singer auch hier mit nur wenigen schnellen Strichen, wofür er berühmt geworden ist: Er zeichnet ein Bild der ausgelöschten Welt des polnischen Judentums und lässt sie für kurze Augenblicke wieder auferstehen. In dieser Welt herrscht, für den Rückblickenden, eine seltsam aufgeregte Ruhe, eine Ruhe vor dem Sturm, der ab 1914 über das Land hereinbrechen sollte. Dass nach dem Sturm nichts von ehedem übrig bleiben sollte, verleiht diesen oft so leicht und hell gemalten Tableaus einiges an Dunkelheit und Wehmut. Auch hier bleibt am Ende nur das Fazit der Mutter des Jungen: „So sind die Menschen eben.“



Isaac Bashevis Singer: Ein Bräutigam und zwei Bräute. Geschichten.
Aus dem Englischen von Sylvia List. Hanser, München 2004, 216 S., 17,90 €.