22.05.13

Der Bürgerkrieg im Herzen - Rezension zu Francisco Ayala: Der Kopf des Lammes

Liest man diese Seiten, so mag man sich wundern, warum sie erst jetzt aus dem Spanischen (hervorragend von Erna Brandenberger) übertragen werden. Eine erstaunlich wandelbare Sprache beherrscht die hier versammelten Geschichten, mal mühelos dahinströmend und fast faltenlos, mal abrupt, störrisch, widerspenstig, oft ironisch, oft mit leiser Melancholie. Und das, obwohl die Begeisterung für spanischsprachige Literatur im deutschen Sprachraum nicht erst seit gestern andauert. Der Band, der im Manesse Verlag in gewohnt ansprechender Ausstattung erstmals auf Deutsch erscheint, versammelt einige Beispiele für das recht umfangreiche und groß angelegte Werk Francisco Ayalas. Dieser, 1906 in Granada geboren und bald hundertjährig, ist in Spanien weitaus populärer als hier, auf eine Stufe zu setzen etwa mit Max Aub, Gonzalo Torrente Ballester oder Rafael Alberti.

Parallel zur wechselhaften Geschichte seines Landes im 20. Jahrhunderts (und durch diese primär verursacht) gestaltete sich auch sein Schicksal recht abenteuerlich. Früh hat er begonnen zu veröffentlichen und gehörte bald zum Kreis um Ortega y Gasset. Er ging nach Berlin, lernte dort Deutsch und übersetzte Rilke und Thomas Mann. Später kam er nach Madrid zurück, doch der Ausbruch des Spanischen Bürgerkrieges zwang ihn ins Exil erst nach Argentinien, dann in die USA. Erst im Jahre 1976, nach dem Tod Francos, kehrte er in sein Heimatland zurück, wo er 1991 schließlich die renommierteste Auszeichnung der spanischsprachigen Literatur erhielt, den Cervantes-Preis.
Dieser abwechslungsreichen Lebensgeschichte gesellt sich eine vielfältige Veröffentlichungsgeschichte zu. Die insgesamt 17 Texte in „Der Kopf des Lammes“, von kleinern Prosastücken bis zum novellistischen Kurzroman, umspannen eine Zeit von mehr als sechzig Jahren, von 1927 bis 1989. Sie sind allerdings nicht chronologisch angeordnet, sondern eher nach Stilformen. Dies erschwert zwar eine schnelle Orientierung im Schaffen Ayalas unnötig; gleichwohl ergibt sich bei der Lektüre der unterschiedlichen Texte doch recht bald ein panoramatischer Überblick über dieses Werk.
Die stilistische Bandbreite in Ayalas Schaffen ist recht weit gesteckt, wie man sich angesichts einer solch langen Veröffentlichungsdauer vorstellen kann. Sie reicht von expressionistischen oder surrealistischen über sprachexperimentelle, sozialkritische Ausdrucksformen bis zu einem recht distanzierten Altersstil. In der Titelgeschichte „Der Kopf des Lammes“ reist der Erzähler José Torres geschäftlich nach Fez in Marokko, wo ihn ein Bettler anspricht und ihn zu einem Mann bringt, der behauptet, mit ihm verwandt zu sein. Dieser, so stellt sich heraus, ist Angehöriger einer Familie Torres, deren Vorfahren aus der spanischen Stadt kommen, aus der auch der Protagonist stammt. Beim Erzählen über seine familiären Wurzeln gerät der anfangs arglose Torres jedoch zusehends ins Straucheln, als er sich seine eigenen Vergehen zuzeiten des Bürgerkriegs eingestehen muss. Dieser Wendepunkt wird von Ayala mit dem Verzehr eines Lammkopfes verbunden, der beim Protagonisten genauso viel Ekel auslöst wie seine Erinnerung an die Vergangenheit.
„Der Kopf des Lammes“ ist in dem vorliegenden Lesebuch die einzige Erzählung aus dem gleichnamigen Erzählband von 1948, der im franquistischen Spanien lange Zeit nicht gedruckt werden durfte. Besonders durch diesen Text wird aber der Angelpunkt deutlich, um den sich nicht nur Ayalas Schaffen, sondern auch das der meisten seiner Altersgenossen dreht. Der Spanische Bürgerkrieg und die Zeit bis 1975 unter der Diktatur Francos erscheint noch immer als das bei vielen (linken) Intellektuellen zentrale Trauma neuerer spanischer Geschichte.
Und dem Moralisten Ayala gelingt es hier, vielfach vermittelt, kunstvoll gespiegelt und gebrochen, die Auswirkungen des Bürgerkrieges, der auch ein Bruderkrieg war und in viele Familien einen Keil getrieben hat, zu durchleuchten: den „Bürgerkrieg im Herzen der Menschen“ wolle er darstellen, sagt Ayala. Er entwirft in seinen Texten ein Sittenbild fast eines ganzen Jahrhunderts. Dies kann – dank des Manesse Verlags – nun auch die deutschsprachige Leserin nachvollziehen.





Francisco Ayala: Der Kopf des Lammes. Erzählungen.
Aus dem Spanischen von Erna Brandenberger.
Manesse Verlag, Zürich 2003.
382 Seiten, 24,90 € 

ISBN 3-7175-2028-8