14.05.13

Nomina ante res. Das Stigma des Namens in Thomas Hürlimanns Novelle "Fräulein Stark"


»Ebenezer Rubehn ...«
»Ebenezer Rubehn«, wiederholte Melanie langsam und jede Silbe betonend. »Ich bekenne dir offen, daß mir etwas Christlich-Germanisches lieber gewesen wäre. Viel lieber. Als ob wir an deinem Ezechiel nichtschon gerade genug hätten! Und nun Ebenezer. Ebenezer Rubehn! Ich bitte dich, was soll dieser Accent grave, dieser Ton auf der letzten Silbe? Suspekt, im höchsten Grade suspekt!«
»Du mußt wissen, er schreibt sich mit einem h.«
»Mit einem h! Du wirst doch nicht verlangen, daß ich dies h für echt und ursprünglich nehmen soll? Einschiebsel, versuchte Leugnung des Tatsächlichen, absichtliche Verschleierung, hinter der ich nichtsdestoweniger alle zwölf Söhne Jakobs stehen sehe. Und er selber als Flügelmann.«

             Theodor Fontane: L'Adultera


Erzählen und Erklären – auf keines von beiden können historische Wissenschaften verzichten. Wo die Selbst-Verständlichkeit der Erzählungen gestört ist, kommt es zwangsläufig zu Erklärungen. Diese versuchen, die Unverständlichkeiten aufzulösen, so daß sie künftig problemlos als Teile von Erzählungen fungieren können.

Dietz Bering: Der Name als Stigma





I.

Am Anfang war – der Name: „Ihr Neffe ist ein kleiner Katz, da müssen wir besonders aufpassen.“ Eine Dreiecksgeschichte also. Jemand spricht zu einem anderen über einen Dritten. Und dies in einer Art und Weise, die aufhorchen lässt. Eine solche Charakterisierung wirft ein bedenkliches Licht nicht nur auf den, der durch sie erfasst werden soll, sondern auch auf denjenigen, der mit ihr eine Wertung aussprechen will, sowie auf den, an den sie sich richtet. Denn sie ist beides: zutiefst verknappt und kryptisch, zugleich offenbar und nicht der Deutlichkeit ermangelnd. Verknappt ist die Nachricht, weil sie mit einem einzigen Wort eine Fülle an Konnotaten anklingen lässt, was sie zugleich kryptisch macht, wenn der Empfänger der Nachricht dieses Wort nicht einmal halbwegs in seiner Bedeutung versteht. Verständlich wird das in ihr Gesagte nur dem, der über den gleichen Code verfügt wie der Sprecher, d. h. dem, der etwas damit anfangen kann, wenn zu ihm gesagt wird, sein Neffe sei „ein kleiner Katz“.


Der Ich-Erzähler in Thomas Hürlimanns Novelle Fräulein Stark[1] ist ein zwölfjähriger Junge, der, bevor er im Herbst in die Klosterschule eintritt, seine letzten freien Sommerferien bei seinem Onkel verbringt, dem Prälaten und Stiftsbibliothekar von St. Gallen. Dort bekleidet er das vom Onkel übertragene Amt eines „Pantoffelministranten“, der „am Portal zur Bücherkirche“ (S. 17) dafür zu sorgen hat, vor allem den weiblichen Besuchern zum Schutz des „kostbaren Boden[s] des Barocksaals“ (S. 15) Filzpantoffeln über die Schuhe zu schieben, wobei sich ihm schon bald dank eines außergewöhnlichen Riechorgans und jugendlicher Neugierde andere, geheimnisvollere Welten auftun.
Diese Welt, die Welt des Eros, stellt sich dem uneingeweihten Jüngling ähnlich geheimnisvoll dar wie die oben zitierte Charakterisierung dem unkundigen Kommunikationsteilnehmer. Und hiermit ist das Prinzip genannt, das die Novelle Fräulein Stark von Anfang bis Ende strukturiert, und welches so komprimiert wie möglich durch die beiden Bedeutungen desselben Wortes ausgedrückt wird. Es bezeichnet zum einen (zumal im Schweizerischen) den Familiennamen, zum anderen aber auch den Körperteil oder Trieb, mit dessen Hilfe diese Familien traditionellerweise ihre Fortexistenz sichern: Geschlecht.
Es ist die alte Geschichte. Wie der Junge in diesem Sommer an der Schwelle zur Bibliothek seine Arbeit verrichtet, so steht er gleichzeitig, am Beginn der Pubertät, auf der gefährlich schwankenden Schwelle zum Erwachsensein, zum Mannsein. A story of initiation. Die bewundernswerte Leistung Hürlimanns liegt nun darin, diese Initiation in die Welt des Sexus kunstvoll mit der Initiation in die Rätsel individueller und kollektiver Geschichte verflochten zu haben. Es geht bei dem unbewusst-wissenden Suchen des Erzählers immer um die Entdeckung sowohl der eigenen Sexualität als auch der persönlichen familiären Herkunft, weshalb sich die Identitätsfindung zwischen der geheimnisvoll drängenden Gegenwart und der geheimnisvoll sich entziehenden Vergangenheit abspielt.
Was könnte, zumal in einem literarischen Text, einfacher und gleichzeitig komplexer die vielfachen Widersprüche aufzeigen, sie gleichsam in einer Nussschale ergreifend und vor aller Augen deutlich werden lassend, die die Beschäftigung des Menschen mit seiner Identität und der diese fundierenden Geschichte ausmachen, als der Name? Gilt dieser doch seit der Zeit, da sich die ersten Menschen Namen gaben, als „identity peg“, als Identitätsaufhänger, wie es der Soziologe C. Gordon ausdrückt.[2] Dass der Name, da er nicht zur Klasse der Wörter im engeren Sinne gezählt wird, eine hervorgehobene Stellung innerhalb der Sprache einnimmt, kann anhand einiger Phänomene demonstriert werden. Seine Verschiedenheit zu den ,nomina appella­tiva’ wird anhand mehrerer linguistischer Sonderregelungen deutlich.[3]
Der Name, als universales Phänomen aller Kulturen,[4] scheint mit der Identität sei­nes Trägers fundamental zusammenzuhängen. Das leuchtet ein, wenn man z. B. die Rolle untersucht, die der Namenglaube bei vielen Naturvölkern spielt. So geben etwa die Malagasy (ein Volksstamm auf Madagaskar) ihren Kindern hässliche Na­men, um böse Geister zu täuschen; bei anderen Völkern werden die Namen der Kinder in Form von Wünschen gebildet. Dem Namen wird im mythischen Denken also magische Kraft zugeschrieben: „Wer sich des Namens bemächtigt, der erringt damit die Gewalt über den Gegenstand selbst.“[5] Das Magische des Namens beruht hier auf einer angenommenen Identität von Wort und Wirkung. Vom Alter dieser Vorstellung zeugt nicht zuletzt das „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“ des Alten Testaments (Jes 43,1).
Dass im Namen sowohl das Individuum als auch dessen Geschichte angesprochen werden, verdeutlicht seine Doppelstruktur. Einerseits [BEG1] signa­lisiert die relative Einzigartigkeit eines Namens die Individualität der Person, ande­rerseits ist die Tatsache, dass die Namengebung im Normalfall aus einem begrenz­ten, tradierten Namenschatz schöpft, Zeichen für die Sozialisierungskraft des Na­mens.[6] Wenn auch ein magischer Na­mensglaube in den modernen Gesellschaften des Westens nicht mehr existiert, so kommt hier doch dem Namen immer noch eine besondere Position zu. „Auch der zivilisierte Erwachsene mag an manchen Besonderheiten seines Benehmens noch erraten, dass er von dem Voll- und Wichtignehmen der Eigennamen nicht so weit entfernt ist, wie er glaubt, und dass sein Name in einer ganz besonderen Art mit seiner Person verwachsen ist“, wie es Freud in Totem und Tabu ausdrückt.[7] Die Tat­sache, dass ein Mönch beim Eintritt ins Kloster einen neuen Namen annimmt, dass der Papst seinen bürgerlichen Namen beim Antritt seines Amtes ablegt, oder der immer noch übliche Namenswechsel der Frau bei einer Heirat werfen ein Licht auf die soziale Bedeutsamkeit des Namens.


II.

Die eigenartige Warnung vor dem „kleinen Katz“, dem jungen Ich-Erzähler, auf den man „besonders aufpassen“ müsse, richtet in Thomas Hürlimanns Novelle die Titelperson, die pedantische und sittenstrenge Haushälterin Fräulein Stark, an ihren Vorgesetzten, den Stiftsbibliothekar, der darüber hinaus der Onkel des Beurteilten ist. Sie, die „im Appenzellischen aufgewachsen“ war und deren Vater alles hasste, „was geschrieben war“, zeigt sich in ihrer „eigene[n], appenzellische[n] und sehr weibliche[n] Frömmigkeit“ (S. 10) um das „Seelenheil“ (S. 18) des Jungen besorgt: „Ihr Neffe, Monsignore“, berichtet sie dem Onkel über die etwas zu gewissenhaft ausgeführte Arbeit des Pantoffelministranten, „versündigt sich gegen das Sechste!“ (S. 19). Und sie ist es auch, die durch ihre strenge Observanz den Jungen, eben „den kleinen Katz“, auf die Suche nach seiner eigenen Identität bringt. Ihre Andeutungen in diese Richtung stoßen erste Fragen nach der Vergangenheit, nach der Geschichte der Familie an, in der offensichtlich etwas Ungewöhnliches, gar Gefährliches liegen muss. Warum sollte man sonst „besonders aufpassen“ (S. 24f.)?
Für das Fräulein scheint das „Katzenhafte“, wie es immer wieder heißt, durchweg in der unberechenbaren und zügellosen, zumindest jedoch andersgearteten Sexualität zu liegen. „Er ist eben doch ein Katz, schien sie zu denken“, als der Junge seine  Neugier auch an ihr erproben will, „er kann das Riechen und Schauen nicht lassen“ (S. 64). Demgemäß nimmt die gesamte Novelle eine virtuos gearbeitete Verflechtung von Name und Sexus vor. Suche nach der Herkunft und Suche nach der Sexualität gehen Hand in Hand. So wurde zu Hause „dieser Name nicht ausgesprochen, er blieb, wie gewisse Vorgänge im Schlafzimmer der Eltern, ins Französische verbannt“ (S. 36). Über diese Verflechtung wird sich der Erzähler bald selbst im Klaren: „Es ging mir mit diesem Geschlecht wie mit dem Dunkel unter den Röcken – fremd war es und voller Reize“ (S. 40f.). Wie das Geschlechtliche, so unterliegt auch der Name einem unausgesprochenen Verbot: es wird nicht darüber geredet.[8]
Sexualität und Herkunft, die beide irgendwie „anders“ (S. 32) sein müssen, zeigen sich in dem Namen ,Katz’, der irgendwie negativ konnotiert sein muss. Warum er dies ist, das erfährt der Erzähler nach einigen Nachforschungen über die Geschichte seiner Familie, oder genauer: über die Familiengeschichte seiner Mutter. Denn die „war eine geborene Katz, so hieß auch der Onkel, aber beide schienen ihren Geschlechtsnamen verloren zu haben, Mama durch Heirat, der Onkel durch sein Priestertum - Monsignore wurde er genannt.“ (S. 20) Es zeigt sich bei diesen Nachforschungen, dass die Vorfahren, bevor Großvater Joseph eine Familie mit allen christlichen Einsegnungen gründet, mosaischen Glaubens waren, um das fatale Wort, das in Fräulein Stark auffallend selten gebraucht wird, noch weiter herauszuzögern. Auf unauffällige Weise wird Katz dabei von den Hilfsbibliothekaren unterstützt, die sich nicht an das unausgesprochene Namensverbot halten und deren Chef Storchenbein (!) heißt.[9] Die Geschichte seiner Familie – des Urgroßvaters Sender Katz und seiner Frau, die mit sieben Kindern in die Linth-Ebene zieht, sowie die des ältesten Sohnes Joseph, der nach dem Tod der Mutter die Geschwister aus dem Waisenhaus losbitten muss und der später Arbeit in einer Textilfabrik findet, beim „kantonsberühmten Zellweger“, gewährt dem „kleinen Katz“ Aufschluss über das Besondere an seiner Vergangenheit. Seine Vorfahren waren Juden. Die Religionszugehörigkeit wurde irgendwann geändert, aber der Name bleibt, wie ein Kainsmal ist er den Nachkommen in die Haut eingebrannt: Katz.
Der Name ,Katz’ gehört auf der Markierungstabelle in Dietz Berings grundlegendem Werk Der Name als Stigma. Antisemitismus im deutschen Alltag 1812-1933 zu den 30 am stärksten antisemitisch markierten Familiennamen. Diese Tabelle bestimmt die Häufigkeit von Namensfluchten, die in den Jahren 1812 bis 1932 in Deutschland beantragt wurden. „Je näher zum Spitzenplatz, um so häufiger, reiner und deutlicher wird mit diesem Namen nicht ein Individuum gemeint, sondern ein Individuum als Vertreter des jüdischen Typus (oder dieser allein), so wie er im antisemitischen Vorurteilssyndrom festgeschrieben war.“[10] Weniger deutlich als ,Cohn’ oder ,Levy’, aber stärker noch als ,Mendelsohn’ oder ,Rosenberg’ war ,Katz’, dies kann man aus der Tatsache der häufigen Änderungsanträge schließen, im bewussten Zeitraum ein Name, der Anlass zu antisemitischen Ausfällen, beispielsweise in Namenswitzen, bot und seinen Träger auf diese Weise von einer Person zu einem bloßen Begriff degradierte. Man hatte im Namen ein gefährliches, weil so harmlos scheinendes Mittel, den Menschen in aller Deutlichkeit als das abzustempeln, was man in ihm sah und sehen wollte.
Leo Löwenthal hat dies festgestellt:
Die Besudelung der Juden erreicht dann ihren Höhepunkt, wenn Juden, noch ehe man sagt, daß es sich um Juden handelt, durch ihre jüdisch klingenden Namen charakterisiert werden. Jetzt ist die Beute sichergestellt, und man braucht nur noch zum letzten tödlichen Schlag ausholen. [...] Der jüdische Name ist ein Etikett, welches die Natur des Trägers deutlich bezeichnet; er ist ein Stigma, er nagelt den Juden fest, so daß er nicht mehr entweichen kann.[11]
Der Name als Stigma – wie das „Zeichen Gottes“ Kain auszeichnet, wie das Leben des Heiligen durch das Empfangen der Wundmale Christi als imitatio ausgezeichnet wird, so wirkt auch der Name als offenbares Kennzeichnen: Kaum ablegbar und für jedermann sichtbar, ist er so eng mit der Person verknüpft, dass ein Angriff auf ihn einem solchen auf den Menschen gleichkommt. Nach Erving Goffman liegt ein Stigma dann vor, sobald die virtuale soziale Identität, also die von anderen als „normal“ zugeschriebenen Eigenschaften, extrem von der aktualen divergiert. Dabei ist es freilich gleichgültig, ob sich das Individuum mit den ihm unterschobenen und mittels des Namens verunglimpften Eigenschaften identifiziert oder nicht. Das Stigma bleibt gleichwohl bestehen.


III.

Wie die zahlreichen antisemitischen Injurien, Namenswitze oder Lieder des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, so bedienen sich auch die Figuren in Thomas Hürlimanns Novelle, die in den 1960er Jahren spielt, auf abgeschwächte Weise des geschilderten Systems. Sie bedienen sich seiner, d. h. sie besitzen Kenntnis von den Möglichkeiten, wie man mit der bloßen Nennung eines Namens wie ,Katz’ im passenden Kontext den beabsichtigten Neben- und Hintersinn beim Kommunikationspartner evoziert.
In Fräulein Stark vollzieht sich die Stigmatisierung des Namens dadurch – der Initiationsthematik des jungen Helden angemessen –, dass das Jüdische mit dem Sexuellen, vor allem dem sexuell Abweichenden, verknüpft wird. Diese Verknüpfung ist kunstvoll vermittelt und findet vor allem über zwei Wege statt, die sich als dicht gewebte Bezugs- und Metaphernsysteme im Text ständig überschneiden. Da ist zum einen das „Geschlecht der Katzen“ (S. 36). Immer wieder macht der Erzähler, Zeichen für die Unsicherheit seiner beginnenden Ich-Suche, wenn er über sich und seine Familie spricht, Gebrauch von der ursprünglichen Bedeutung seines Nachnamens. So spricht er z. B. bezüglich der Kinder der Urgroßmutter von den „Katzenkindern“ (S. 59). Er selbst sei der „Nepos eines Katz, der Sohn einer Kätzin“ (S. 79). Das „Katzenwesen“ (S. 79ebd.), das „Katzhafte“ (S. 84) und das mit ihm verbundene Motiv des neugierigen Schleichens und Schnüffelns, das er damit als seine persönliche Eigenschaft anerkennt oder unterstellt, überlagert immer mehr seine aktuale Identität. Die linguistische Namensforschung hat den Prozess, in dem ein Wort seine ursprüngliche Bedeutung verliert, sobald es zum Namen wird, „onomatologisches Dissoziationsgesetz“[12] genannt. Aber: „Eben diesen Mechanismus durch stupiden Rekurs auf die denotative Bedeutung des Namens abzublocken (,Katz‘, ,Eckstein‘), war der Trick in vielen (anti)jüdischen Namenswitzen.“[13] Es wirft ein bedenkliches Licht auf die Ich-Suche des Erzählers, wenn er sich in seinem erinnernden Erzählen derselben Methoden desselben Systems bedient, das andere zur Entwürdigung von Minderheiten verwenden.
Katz‘ Suche nach seiner wahren Identität, der Gang seiner inneren Bildung, offenbart sich somit als gefährdet. Er nimmt sich selbst als „andersartig“ war. Zugleich ergreift ihn die Angst davor, so zu werden, wie es sich für einen „Katz“ gehört; er wird, je öfter er der Verführung nachgibt, „mehr und mehr jener andere, jener Fremde, der ich partout nicht sein wollte“ (S. 104). Zwei Seelen, so spürt er bald, schlagen, ach, in seiner Brust, die des „kleinen Katz“ mit seiner absonderlichen Neugier für das weibliche Geschlecht und die der „dunkel bekuttete[n] Gestalt [...], de[s] Klosterschüler[s]“ (S. 68), „unerbittlich und streng, folgsam und fanatisch“ (S. 125), der das „Katzhafte“ in ihm bald für immer ersetzen soll. „Der geht über Leichen, dachte ich, zumindest über meine“ (S. 68). Zu diesem Ziel sucht dieser beispielsweise „aus der einschlägigen Literatur [zu] erfahren, wie er vorgehen müsse, um den ,kleinen Katz’ endgültig aus mir vertreiben zu können“, wozu er sogar ein Buch über den eifrigsten Konvertiten der Weltgeschichte zu Rate zieht: Die Wandlung des Juden Saulus zum Christen Paulus gibt hier die Schablone für die drohende Selbstverleugnung des Erzählers ab (S. 126).
Die Austreibung des Fremdartig-Bösen, so räsonniert Katz, sei auch der Grund, warum ihn seine Eltern in die Klosterschule schickten, wo man „Katzenvisagen“ (S. 125) nicht gern sehe: „mein Katzenwesen sollte unter der Kutte erstickt werden, weg damit, fort mit Schaden, sei einer von uns, einer wie alle, zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl, normal bis in die Knochen“ (S. 79). Katz‘ Bildungsgeschichte wäre keine rechte, bewegte sie sich nicht ständig zwischen Anpassung und Abweichung, wobei die Abweichung durch den Namen ,Katz’, die Anpassung durch das Schreckbild des Klosterschülers sowie durch das Vorbild des Onkels repräsentiert wird. Dieser, in einer eigentümlichen Ausformung den Sinnen ergeben und vergeistigt zugleich, „ein Schmecker und Lecker, allerdings überzeugt, als Geisteskopf über die Ding- und Fleischeswelt erhaben zu sein“ (S. 11), dessen für die Lektüre der tausendjährigen Bibel vorgesehene Handschuhe „schwarz wie die Dessous meiner Mama“ (S. 7) waren und dessen Motto „Nomina ante res“ (S. 34) dem ewigen logos einen deutlichen Vorrang vor der Vergänglichkeit der Sinneserscheinungen, dem „Nunu-Zeug“ (S. 71), einräumt, während sich sein Studierzimmer nach dem üppigen Essen „in eine plüschrote, nach Zigarettenrauch, Rasierwasser und alten Folianten riechende Höhle verwandelt“ (S. 9) – dieser Onkel scheint sich mit seiner delikaten Herkunft nicht vollständig ausgesöhnt zu haben. Vielmehr verleugnet er, der als „avunculus“ den Namen der Mutter trug, bevor er ihn durch „Monsignore“ ersetzte, seine „Katzenhaftigkeit“ (S. 122): „der Onkel verbarg ihn [den Namen ,Katz’] unter seiner Soutane“ (S. 38). Seine Selbstverleugnung wird dort deutlich, wo sich der „Praefectus librorum“ (S. 75) mit einigen nationaltümelnden „Altherren“ zum Bier trifft, deren geistiger Horizont es ihnen erlaubt, über eine Wurstpaste mit dem Namen „Der g’stampfte Jud“ (S. 77) zu grölen. Auch der „Nepos“ Katz, voller Bewunderung für „diese Herren“, die ihm helfen sollten, das „Katzenhafte aus mir hinauszubeten“, wünscht sich, „einer von ihnen [zu] werden, einer wie alle – eine Normalseele“ (S. 84). So fungiert der Stiftsbibliothekar mit seiner Konvertitenmoral[14] eher unbewusst als Muster einer gescheiterten Identitätssuche; seine Furcht, wie der Onkel zu werden, gesteht sich der Neffe kaum ein: „Die Befürchtung, es könnte sich auch bei mir, wie beim Onkel, eine Rundglatze bilden, stellte sich glücklicherweise als falsch heraus“ (S. 109). Es überwiegt dagegen mehr und mehr die Zustimmung zu dem Prozess, der in ihm vorgeht, dass nämlich „der biederbrave Kuttenträger den kleinen Katz demnächst eliminieren“ und aus ihm einen „anständige[n] Mensch[en]“ (S. 146) machen würde.
Das andere Metaphernsystem, das die Verknüpfung von Judentum und (abweichender) Sexualität herstellt, ist das der Nase. Dieser kommt, in ihrer „fremdartigen“ Form, die gleiche Funktion wie dem Namen zu. Gleich dem Namen ,Katz’ hat sie einen doppelten Charakter: „zwiespältig war die Nase“ (S. 108), die zum einen ihrem Träger das neugierige, „katzenhafte“ Schnüffeln erst ermöglicht, die ihn zum anderen aber auch kraft einer heiklen traditionellen Symbolik zum Vertreter der „semitischen Rasse“ macht. Dies entspricht dem – scheinbaren – Paradox, das Hürlimanns Novelle durchzieht: An der Schwelle zur Geistigkeit, am Portal zur Bücherarche, entdeckt der Junge die Sinnlichkeit, in einer christlichen Stiftsbibliothek entdeckt er seine jüdische Abstammung.
Schon die Schwestern des Großvaters Joseph Katz besaßen das signifikante und unübersehbare Mal, das Stigma. Sie werden entsprechend den gängigen Vorstellungen vom „typischen Juden“ beschrieben: „Zwischen den Augen wuchs ihnen ein böser Finger hervor, der sich bis zum fliehenden Kinn hinabzukrümmen versuchte“ (S. 62). Und auch der „kleine Katz“ entdeckt das Vorhandensein des misslichen Zeichens bei sich, und vor allem: er entdeckt die Bedeutung des Zeichens, das ihn als „anders“ aus-zeichnet. Früh schon wird es mit dem Thema der Sexualität verbunden: „Das Fräulein sprach von meiner Nase, wie sie seinerzeit von den Blicken gesprochen hatte, den sündigen, die gegen das Sechste verstoßen hätten. Für sie war ich eben doch ein kleiner Katz – bei so einem musste man ,besonders aufpassen‘“ (S. 30). Wie der Name, so stellt auch die Nase einen Stolperstein in Katz‘ versuchter Assimilation dar. Sie und der mit ihr verbundene Trieb weisen ihn immer wieder auf seine vermeintliche Andersartigkeit hin. „Hatte sie also doch recht, die Stark? War meine Nase – anders?“ (S. 32), fragt er sich und schwankt dabei zwischen Abweisung und Akzeptanz: „Ich hatte eine Nase, und diese Nase wollte riechen, riechen! Aber ging es nicht allen so?“ (S. 33).
Wenn die ursprünglichen Unterscheidungsmerkmale einer Gruppe, so es sie denn überhaupt gab, verschwinden und es dadurch schwierig wird, Individuen auf den ersten Blick zu dieser Gruppe zuzuordnen, dann erfindet sich die orientierungsbedürftige Mehrheit, die in der Gruppe etwas ihr Fremdes erkennt und fürchtet, Stereotype der Differenz. Eines dieser mannigfachen Stereotype ist das des jüdischen Körpers. Sander L. Gilman hat dargelegt, dass die jüdische Nase, in dem sich der Körper am sichtbarsten zeigt, „als afrikanische Nase ,gesehen‘“ wird. „Der den Juden zugeschriebene Charakter ist aus ihrer Nase, auf ihrer Haut ablesbar.“[15] Ein Mensch weist sich im antisemitischen Weltbild durch seine „anders“ geformte Nase als Jude aus;[16] als solcher wird er zugleich als „andersartig“, sowohl in physischer als auch in psychischer Hinsicht, begriffen und angegriffen. Dass die Andersartigkeit beim männlichen Juden auch über die Nase auf die Sexualität bezogen wird, nimmt dabei nicht Wunder, steht das Geruchsorgan doch traditionellerweise als offenbares Zeichen für das versteckte, tabuisierte Genital. In dieser Symbolik schreibt sich fort, was sich schon bei Tacitus‘ Beurteilung der Juden als „projectissima ad libidinem gens“[17] angesprochen findet: Auch in sexuellen Belangen muss sich die befremdliche Besonderheit der jüdischen Rasse äußern.
Nase und Name fungieren in Hürlimanns Novelle gleicherweise als Symbol, dessen stigmatisierende Kraft dem Erzähler erst nach und nach fühlbar wird. Mit der Zeit entwickelt er die Fähigkeit, die Zeichen zu lesen: „Karten, die ich immer besser zu deuten verstand, brachten mich mit ihren Verweisen von selbst auf die richtigen Fährten“ (S. 38).
Wie die – angesonnene – krumme Nase, wie die – unterschobenen – Plattfüße der Juden nur ,Anzeichen‘ fürs letztlich bekämpfte Judentum sind [...], so sind auch die Namen nicht eigentlicher Angriffspunkt, sondern nur (allerdings als häßlich und sprachlich minderwertig markierte) Anzeichen fürs letztlich bekämpfte Judentum. Es gibt also hier keine Trennung von Stigma und Stigma-Symbol.[18]
Fräulein Stark, die vom Onkel als „eine schlichte Variante“ (S. 20) beschrieben wird, scheint dabei das antisemitische Zeichensystem in ihren Äußerungen nur unbewusst und unhinterfragt als gängiges zu verwenden. Ohne die Figur, deren Name immerhin den Titel der Novelle abgibt, als bloße Repräsentantin einer (dörflichen) Bevölkerungsschicht abwerten zu wollen, in der sich Ungebildetheit und Frömmelei vermischen, scheint hierin doch der zeitkritische Aspekt des Textes zu liegen, der in einem Land spielt, das sich lange Zeit in Sachen Vergangenheitsbewältigung eher beschönigend hervorgetan hat. Vollends deutlich wird die Brisanz, die in dem von Fräulein Stark verwendeten Zeichensystem liegt, durch ein Zitat, in dem Name und Nase als gleichberechtigte Anzeichen fungieren: „Isidor bleibt Isidor! Nase ist Nase“, heißt es in Joseph Goebbels Propagandablatt Der Angriff vom 29.10.1928.[19]
Auch das „marienfromme“ (S. 120) Fräulein Stark ist also, wie die anderen Protagonisten, eine zwiespältige Figur: sie, die das gleiche Lächeln wie „die holzgeschnitzte Madonna“ lächelt, die sie Morgen für Morgen aufsucht (S. 11), und die vieldeutigerweise stets zum Englischen Gruß den Kaffee serviert (S. 22), ist „der Paradiesengel“ (S. 23) der Bibliothek, der durch seine Andeutungen den Jungen aus dem Paradies der unschuldigen Unwissenheit vertreibt. Die Vertreibung aber ist zugleich der notwendige Weg auf der Suche nach der eigenen Identität.
Es bleibt unklar, ob die Ich-Suche des „kleinen Katz“ mit dem Abschluss seines Aufenthalts beim Onkel und dessen Haushälterin als gelungen bezeichnet werden kann, zumal ja eine solche Suche wahrscheinlich nie wirklich abgeschlossen ist. Lässt sich das Geschlecht der Katzen tatsächlich „nicht wegschummeln“ (S. 191), nicht einmal beim Onkel? Oder ist „der Katz“ am Ende doch tot, wie der Erzähler glaubt (S. 190)? Hat das Vernünftig-Strenge über die Gier der Neugier, hat das Christliche über das Jüdische gesiegt, wie es seine Überlegungen nahelegen? „Bevor wir geboren werden, ist unser Garn gesponnen, der Stoff gewoben, die Nase krumm, der kleine Katz getötet und der Klosterschüler im Namen des Vaters obenauf“ (S. 187). Hat der Name des Vaters über den der Mutter gesiegt? Fast scheint es so. Dann hätte der Onkel Recht mit seinem Motto „Nomina ante res“ – zuerst wird der Mensch benannt, dann erst bildet sich sein Wesen, seine Identität gemäß diesem Namen aus. Am Anfang war der Name. Umso tragischer, wenn er ,Katz’ lautet ...




[1] Thomas Hürlimann: Fräulein Stark. Novelle. Zürich: Ammann Verlag 2001. ??? S. (Zitatnachweis zukünftig unmittelbar im Text.)
[2] Chad Gordon: Self-Conceptions: Configurations of content. In: The self in social interaction, Vol. I: Classic and contemporary perspectives. Hrsg. von C. Gordon u. K. J. Gergen. New York 1968, S. 115-136, hier S. 125.
[3] So wird im Gegensatz zu Appellativa eine eigene Dativendung bei Namen gemieden, während der Genitiv mit -s (und nicht fakultativ mit -es, wie bei Appellativa) enden muss. Als weiteres Beispiel für die Sonderstellung der Namen können die Diminutivformen dienen, die den Namen eigen sind. „Friedrich“ wird dementsprechend zu „Fritz“, „Ludwig“ zu „Lutz“ usw. Bei einem Appellativum wird der dunkle Vokal zu einem hellen abgeschwächt, wenn durch Ableitung in der folgenden Silbe ein heller Vokal folgt: „Tat“ wird so zu „tätig“. Diese Ableitung mit Umlaut gilt für Namen allerdings nicht: aus „Kant“ wird „kantisch“, der Vokal bleibt erhalten (Bauersche Regel).
[4] Vgl. Harold Feldman: The Problem of Personal Names As a Universal Element In Culture. In: American Imago 16, 1959, S. 237-250, hier S. 237: „Personal names are sure to be found in any inventory of cultural items which are common to all known societies.“
[5] Ernst Cassirer: Die Begriffsform im mythischen Denken. In: Ders.: Wesen und Wirkung des Symbolbegriffs. Darmstadt 1965, S. 1-70, hier S. 20. Vgl. auch Sigmund Freuds Äußerung über die Eigenheiten des animistischen Denkens in Totem und Tabu: „wenn man also den Namen einer Person oder eines Geistes weiß, hat man eine gewisse Macht über den Träger des Namens erworben.“ Sigmund Freud: Totem und Tabu. In: Ders.: Studienausgabe. Hg. von Alexander Mitscherlich, Angela Richards und James Strachey. Frankfurt a. M. 2000, Bd. IX, S. 287-444, hier S. 370.
[6] „The name is at once redolent of the personal uniqueness of the individual [...] and the sociological make-up of the group.“ Nathan Miller: Some Aspects of the Name in Culture-History. In: The American Journal of Sociology 32,1926-27, S. 585-600. hier S. 586.
[7] Freud 2000 (Anm. 5) S. 347.
[8] Dies gilt freilich nur für den – „anrüchigen“ – Namen der Mutter: „Natürlich hatte ich einen Geschlechtsnamen, den man aussprechen durfte, den Namen des Vaters“ (S. 79).
[9] Vgl. die Äußerung des Erzählers: „Ich mochte Storchenbein. Er meinte es gut mit mir“ (S. 63).
[10] Dietz Bering: Der Name als Stigma. Antisemitismus im deutschen Alltag 1812-1933. Stuttgart 1987, S. 223.
[11] Zit. n. Dietz Bering: Der „jüdische“ Name. In: Antisemitismus. Vorurteile und Mythen. Hrsg. von Julius H. Schoeps und Joachim Schlör. München 1995, S. 153-166, hier S. 155.
[12] Otto Höfler: Über die Grenzen semasiologischer Personennamenforschung. In: Festschrift für D. Kralik, Horn 1954, S. 26-53, hier S. 28.
[13] Bering 1987 (Anm. 10), S. 286.
[14] Vgl. Katz‘ Betrachtung über des Onkels Berufsausübung: „wer je erlebt hat, wie er als Meßpriester das Wandlungswort jubelnd, ja verzückt zum Altarbild hinaufschmetterte, senkte erschrocken, fast ein wenig angewidert den Blick.“ (7f., Hervorhebungen Verf.)
[15] Sander L. Gilman: Der „jüdische Körper“. In: Antisemitismus 1995 (Anm. 11) , S. 167-179, hier S. 167.
[16] Vgl. dazu Heinrich Heines Äußerung in den Bädern von Lucca, auf die auch Gilman hinweist: „Oder sind diese langen Nasen eine Art Uniform, woran der Gottkönig Jehova seine alten Leibgardisten erkennt, selbst wenn sie desertiert sind?“ Heinrich Heine: Sämtliche Schriften. Hg. von Klaus Briegleb. München 1976, Bd. III, S. 398.
[17] Historiae, V, 5.
[18] Bering 1987 (Anm. 10), S. 290.
[19] Zit. n. Bering 1995 (Anm. 11), S. 164.