01.05.13

Von abzocken bis zuschmusen. Über Hans Peter Althaus’ „Kleines Lexikon deutscher Wörter jiddischer Herkunft“




Hans Peter Althaus’ jetzt in der „beck’schen Reihe“ erschienenes kleines Wörterbuch ist kein Jiddisch-Lexikon wie beispielsweise das von Leo Rosten oder Ronald Lötzsch, sondern ein Wörterbuch deutscher Sprache, das den Ausschnitt „Wörter jiddischer Herkunft“ betrachtet. Wörter, die im aktuellen Sprachgebrauch vorkommen, werden dabei ergänzt durch Ausdrücke, denen man in historischen Texten begegnet, wobei Althaus notwendigerweise bis tief ins 19. Jahrhundert und in die Zeit davor zurückgreift. Dies mag vor allem der Einsicht zu verdanken sein, dass jiddische Wörter nach einer Phase relativer Unbekanntheit wieder reaktiviert werden können und sich mit großer Geschwindigkeit in der Sprachgemeinschaft ausbreiten können. Als Beispiele für einen solchen Fall wären die Einträge „Tacheles“ oder „Zoff“ anzuführen, Wörter, deren (west-)jiddischer bzw. hebräischer Ursprung den meisten Sprechenden wohl unbekannt sein dürfte. Dieses Unwissen prägt Althaus zufolge überhaupt eine große Anzahl von Wortschicksalen. 


Wo bei Wörtern wie „Massel“, „Mischpoche“ oder „Chuzpe“ die jüdisch-jiddische Konnotation meist noch vorhanden ist, ist sie doch im Falle von „dufte“, „mies“ oder „Reibach“ fast gänzlich verloren gegangen. Mehr noch, sie hat sich in Richtung fremder Konnotationen verschoben, wie z. B. bei „dufte“ oder „Daffke“ ins Berlinerische oder „Maloche“ ins Rheinisch-Westfälische. Auch Bedeutungsverschiebungen sind im Lexikon gut nachzuvollziehen, wenn es die umgangssprachliche Abwertung eines eigentlich neutralen Begriffs wie „Schickse“ oder die „falschen Freunde“ „Schul“ (=Synagoge) oder „Scheitel“ (=Perücke) verzeichnet.

Leider verzichtet das Lexikon auf tiefer gehende etymologische Erklärungen (die man beispielsweise in Heidi Sterns „Wörterbuch zum jiddischen Lehnwortschatz“ finden kann), sondern erwähnt oft nur die jiddische Form plus Nebenformen sowie die häufigen Rotwelsch-Formen und Bedeutungsunterschiede. Gerade bei einer Sprache mit einer so unvergleichlichen Entwicklung wie dem Jiddischen wäre doch die häufigere Rückführung auf hebräische, romanische, lateinische oder slawische Ursprünge wünschenswert gewesen. So bleibt Althaus Lexikon nicht mehr als eine durch vielfache Nachweise belegte Liste deutscher Wörter jiddischen Ursprungs, deren Einblicke in die jüdische Kultur von einer historischen Dimension weitgehend abgeschnitten werden. Da die Nachweise sich zum Teil auf zeitlich sehr entfernte (literarische) Texte beziehen, finden auch Wörter wie „Tinnefologie“ oder „Itziglismus“, sogenannte ad-hoc-Bildungen, die selber im Jiddischen nicht vorkommen und die wohl nicht viel öfter als ein einziges Mal gebraucht wurden, Eingang in das Lexikon. Der Sinn einer Fixierung solch relativ ephemeren Materials ist nicht direkt einsichtig, auch wenn dadurch, wie Althaus andeutet, das geistige Niveau dieses Sprachgebrauchs andeutungsweise erhellt werden kann.

Althaus Wörterbuch ist klar konzipiert und gut zu handhaben, wenn auch manche der rund 1100 Einträge durch ihre Vielzahl an Belegen zum Teil etwas unübersichtlich geraten sind. Zudem verzichtet Althaus auf die Angabe einer Grundbedeutung, was das schnelle Nachschlagen nicht gerade erleichtert. Lobenswert ist, dass auch Nebenformen, die weniger gebräuchlich sind, zusätzlich notiert werden und auf eine Vereinheitlichung der Lautformen verzichtet wurde, was der großen Vielfalt und dem Reichtum der jiddischen Sprache angemessen ist. Die Einleitung ist auf dem relativ knappen Raum sehr informativ und gibt einen guten Einblick in Entwicklung und Geschichte des Jiddischen und seinen Einfluss auf das Deutsche sowie auf Sondersprachen wie das Rotwelsche oder die historische Studentensprache.

Äußerst anregend ist schließlich der Nachweis des Wortes „Stuss“, eines Ausdrucks, der aus dem Hebräischen „schetut“ über das Westjiddische „schtus“ ins Deutsche gelangte, wo er etwa mit „Unsinn, dumme Rede“ zu übersetzen wäre. Bei Alfred Kerr heißt es dazu: Ich will ein paar Regeln für Kritiker aufstellen: Äußere Stuß in immer denselben Ausdrücken. (Ersatz für Eigenart)“