31.05.13

Wagners "Ring" als utopistisches Manifest

Woher stammt alles Unheil in der Welt?, mag man angesichts der Zustände fragen. Wir leiden unter Angst, Minderwertigkeitsgefühl, mangelnder Selbstliebe und mangelndem Geliebtsein. Zum Ausgleich suchen wir Linderung in Größenwahn und seelischer Kälte, in unserem Streben nach Besitz, Beifall und Macht, die uns höher stellen und den pochenden Schmerz der eigenen Wertlosigkeit betäuben sollen. Aber wäre die Welt nicht eine andere, wenn wir neue Menschen wären? Kein Konkurrenzdenken mehr, keine Ausbeutung von Natur und Menschen mehr, keine Verherrlichung von Macht und Herrschaft als Garant von gesellschaftlichem Status mehr, keine Bewertung menschlicher Bedürfnisse und Verhältnisse nach ihrem bloßen Verwertungsnutzen mehr. Eine Utopie einer Gesellschaft wahrhaft freier Menschen. Woher also stammt nun all dieses Unheil in der Welt?
Friedrich Nietzsche bestimmt diese Frage als die Urfrage, auf die Richard Wagners Schaffen eine Antwort geben will. Von der Schlechtigkeit der Welt ist Wagner nicht zuletzt dank seiner Schopenhauer-Lektüre überzeugt; gleichzeitig gibt er jedoch Tipps für die gelungene Erlösung:
Die Welt ist schlecht, grundschlecht, nur das Herz eines Freundes, nur die Träne eines Weibes kann sie aus ihrem Fluche erlösen.
Käme nur einer, der sich opferte, käme nur eine, die uns wirklich liebte - wie befreit könnten wir da aufspielen! Solange aber keiner kommt, kann uns nur noch die Kunst helfen.Der Zustand der Gegenwart, des modernen Zeitalters, ist nicht erst seit der Aufklärung der des Verlusts der göttlichen Ordnung. Die Himmel sind leer, die Welt entzaubert, der Mensch unbehaust und obdachlos. Diesen "heillosen" Zustand, seine Ursache und die Erlösung von ihm, zum Gegenstand der Kunst zu machen, so Wagners Überzeugung, kann nur unter Zuhilfenahme des Mythos gelingen. Der Mythos will erzählen, wie es überhaupt zu herrschenden Weltordnung, die uns all diese Not erst gebracht hat, gekommen ist. Die Handlung von Richard Wagners Oper "Der Ring des Nibelungen" ist eigentlich kaum nacherzählbar, so überkomplex und anspielungsreich kommt sie daher. Sie ist vor allem nacherlebbar, und in ihr vollzieht sich vor dem Geist des Zuschauers nichts weniger als das große Drama der Menschheitsgeschichte - in Musik, Dichtung und Schauspiel. Die Menschheitsdichtung kommt im Gewand des Mythos daher, der für Wagner die Erklärung und Rechtfertigung eines diesseitigen und gegenwärtigen Zustands durch seine Rückbindung an das Heilige, Überzeitliche darstellt.
So müssen endlich Aufgeklärte und Unaufgeklärte sich die Hand reichen, die Mythologie muß philosophisch werden, um das Volk vernünftig, und die Philosophie muß mythologisch werden, um die Philosophen sinnlich zu machen.
wie es bei Hölderlin heißt. Ebenso muss bei Wagner die Kunst mythisch werden - die Versinnlichung der Menschheitstragödie in der Kunst, ist das große Vorhaben des Gesamtkunstwerks. Alles beginnt mit dem Metall. Der Zwergenkönig Alberich, enttäuscht von der Zurückweisung seiner Liebe durch die Rheintöchter, zwängt das "gleißende Gold" in die Form des Rings zwängt, macht es somit erst zum Symbol von Macht, zum Urbild des Geldes. Um der Macht willen, die ihm das Rheingold bringt, verflucht Alberich die Liebe: „Gewänn ich nicht Liebe – doch listig erzwäng’ ich mir Lust!“
Er schwört der Liebe ab, wie Tausende von uns täglich der Liebe abschwören. (G. B. Shaw)
Der Verführungskraft des Goldes erliegen in Folge Götter, Zwerge, Riesen und schließlich auch Menschen. Die lebendige Welt stirbt. Die Urkatasptophe des Rings liegt jedoch nicht in Alberichs Tat, der Münzprägung des Goldes. Sondern in Wotans Frevel an der Weltesche. Wotan, der Göttervater, brach aus dem das Weltgebäude tragenden Geäst des Baumes einen Ast und schnitzte sich den Speer, mit dem er seine Macht festigt. Diese Urwaffe stellt das Gesetz dar, das jedoch für den utopischen Anarchisten Wagner immer nur das Gesetz der Mächtigen ist, geschaffen, um ihren Besitzanspruch zu verteidigen und durchzusetzen. Wotan trifft also die Urschuld, er begründet die Erbsünde, die Alberichs Tat vorausgeht, und legt damit den Grundstein für einen sich über die Generationen weiterzeugenden Fluch - wer den Ring besitzt, ist dem Tode schon anheim gegeben. Wotan überlistet Alberich und nimmt ihm den Ring ab, den dieser daraufhin verflucht: "Wer ihn besitzt, den sehre die Sorge und wer ihn nicht hat, den nage der Neid." Alberichs Fluch beschreibt auf das Knappste die seelische Grundverfassung des Menschen, wie er in unserem Zeitalter auftritt. Daher also alles Unheil in der Welt: Dass einer mehr haben will als die anderen und seinen Raub mit Gewalt verteidigt und durch Gesetz legitimiert. Dass er den Staat, der mit dem Monopol auf Gewalt unterdrückt, einspannen kann für seine individuellen Gelüste Alle Charaktere "erben" im Verlauf der Handlung den Fluch des Ring, den sie besitzen (wollen). "Lebendige Liebe" wird gegen die "maßlose Macht" über die Kräfte der Natur eingetauscht. So deutet Brünnhilde den Ring als Symbol der Ehe zwischen ihr und Siegfried, will ihn daher aus Treue gegenüber Siegfried nicht hergeben. Sie nimmt die auf uns gekommenen Vorstellungen von Ausschließlichkeit und Einzigartigkeit vorweg, die in einen egoistischen Besitzanspruch dem Partner gegenüber münden - einen Besitzanspruch, der den geliebten Menschen zu einem Objekt unter anderen macht. 
Einmal ganz Besitz geworden, wird der geliebte Mensch gar nicht mehr angesehen. (Th. W. Adorno)
Der Freiheit der wahren Liebe aber ist diese pervertierte Vertragsliebe, die Treue und Besitz zum höchsten Gut macht, ein Gräuel. Die wahre Liebe ist für Wagner die anarchische Kraft, die den Naturzustand von Reinheit und Unschuld wiederherzustellen in der Lage ist. Geld und Besitz verändern den Geist des Menschen und seine Welt - Natur wird zu Menschenwerk, und diese kann geraubt werden von einzelnen, die andere mittels Staatsgewalt von der Verfügung über das Raubesgut ausschließen. Tragik der Besitzlosen ist es jedoch, die Machtverhältnisse anerkennen zu müssen und statt auf Freiheit auf noch mehr Gewalt, dieses Mal zu ihren Gunsten, zu hoffen und zu trachten. Dieser Verblendungszusammenhang ist der Sündenfall, durch den der Mensch sich vom göttlichen Ursprung der Natur entfernt hat - zugunsten einer 
Ordnung der Dinge, welche die einige Menschheit in feindliche Völker, in Mächtige und Schwache, in Berechtigte und Rechtlose, in Reiche und Arme teilt,
wie Wagner in seinem Revolutionsflugblatt von 1848 formuliert. Aber das Ende der Götter liegt bereits in ihrem Anfang. Die Götterdämmerung wird schon von Loge vorausgesagt: „Ihrem Ende eilen sie zu, die so stark in Bestehen sich wähnen ...“ In diesem Ende liegt die Hoffnung des Menschengeschlechts. "Ruhe, ruhe du Gott!" ruft Brünnhilde in ihrem Schlussgesang Wotan zu, um dann das Feuer zu entfachen und das apokalyptische Geschehen in Gang zu setzen: Brünnhilde sprengt mit ihrem Pferd in den brennenden Scheiterhaufen zu Siegfried, ihrem getöteten Gatten. Sie gibt damit den Ring an die Rheintöchter zurück und endet den Fluch, der auf ihm lastet. Das Gold wie auch das Holz der Weltesche in Gestalt von Wotans Speer gelangen wieder in den Kreislauf der Natur zurück. Was der Natur angehört, wird der Natur zurückgegeben. Walhalla, der Wohnsitz der Götter, brennt im Hintergrund. Das "alte Recht" und die "alte Schuld" Wotans - die auf vorgeblichem Gesellschaftsvertrag basierenden Machtverhältnisse und die auf Raub basierende Weltordnung, "die den Genuss trennt von der Arbeit, die aus der Arbeit eine Last, aus dem Genusse ein Laster macht, die einen Menschen elend macht durch den Mangel und den anderen durch den Überfluss" (Wagner in seiner Schrift "Die Revolution") gehen in Flammen auf.
Der Weltuntergang am Ende des Rings ist zugleich ein Happy End. (Th. W. Adorno) 
Denn es handelt sich nicht um das Ende der Welt, sondern "nur" um das Ende der bisherigen Weltordnung (orchestral im Erlösungsmotiv angedeutet) und um den Aufbruch in eine neue, in der "nicht Gut, nicht Gold, noch göttliche Pracht" gelten, wie Brünnhilde singt, sondern das Bild des neuen Menschen vorherrscht, der in der Liebe seine Bestimmung findet: "Selig in Lust und Leid lässt - die Liebe nur sein." Slavoj Zizek bestimmt als
zentrales Thema [...] das Scheitern der Herrschaft des Gesetzes; und die Verlagerung, die die innere Spannweite des Rings am besten zum Ausdruck bringt, ist die Verlagerung vom Gesetz auf die Liebe.

Wie also? Es sollte jemand kommen, der uns vor Gesetz und Ordnung rettet, damit wir wieder lieben und ein menschliches Leben führen können? Wer soll das sein? Dass Wagner das Ende seiner Tetralogie doch unbestimmter gehalten hat, mag dem Scheitern der Revolutionshoffnungen von 1848 geschuldet sein. In der Politik, in der Wirklichkeit, gibt es keine Hoffnung für die Welt: "Sie gehört Alberich! Fort mit ihr!", so Wagners Verdikt.