30.06.13

Notiz zu "Wie wollen wir leben?" - Byung-Chul Han auf der phil.cologne

Nachdem ein sichtlich verwirrter Gert Scobel in den Abend eingeleitet hat (warum überhaupt?) und Byung-Chul Han vom Zeit-Redakteur Adam Soboczynski zum ersten Mal bereits unterbrochen wurde, bevor er überhaupt anfangen konnte, begann dieser schließlich eine etwa einstündige Lesung, in der es darum ging, was es heißt, frei zu sein.


Unterbrochen wurde dies nur am Anfang von Ernst Busch - sein "Lied vom Klassenkampf" ließ Han als Einleitung in seinen Vortrag einspielen - und unregelmäßig alle fünf Minuten vom Scheppern der Stuhlklammern im Publikum (die Balloni-Hallen sind ein toller Veranstaltungsort ... akustisch und organisatorisch kann man sich aber noch selbstoptimieren). 

Diese Selbstoptimierung, auf das moderne westliche Subjekt bezogen, sollte dann auch zum Thema des Abends werden. 
Das Projekt der Freiheit sei gescheitert, so Han, denn heutzutage sei der Mensch noch immer Zwängen unterworfen - nun aber schlimmeren als denen des äußeren Zwangs (wir denken an staatlichen Terror, an ökonomische Ausbeutung und sozialen Druck, aber auch an die Zwänge der Lebenserhaltung, die in der Vergangenheit die Menschen gebeutelt haben und in der westlichen Zivilisation einer Unbegrenztheit der Möglichkeiten gewichen sind).

Das moderne Subjekt, das seit Renaissance und Aufklärung als niemandem unterworfen entworfen wurde, habe sich als Zwangsfigur herausgestellt. Jedes Individuum sei nunmehr seinem eigenen Projekt, seiner Selbstentwerfung unterworfen. Dabei stelle sich das Paradox ein, dass die so lange herbeigesehnte Befreiung von äußeren Zwängen nun innere Zwänge auf den Plan treten lässt. Die Negativität der Freiheit schlägt um in die positive Selbstunterwerfung unter die Logik der Effizienz und der Selbstausbeutung. Das "Sei frei!", Imperativ der Selbstverwirklichung, drückt schon in seiner semantischen Struktur die Aporie aus, in der der westliche Individualismus steckt. Es bedeutet: Du darfst keine Götter mehr haben, folglich musst du dich selbst entwerfen, und dieses Muss sei dein neuer Gott!


Der Kampf geht weiter



Mit dem Wegfall eines sichtbaren Feindes, der uns eigentlich einen Moment - oder gar ein Leben! - der Besinnung, der Ruhe und der Zufriedenheit ermöglichen könnte, ist der Kampf an sich noch lange nicht eingestellt. Der moderne westliche Mensch muss darum kämpfen, seinen Status zu behaupten, Stillstand bedeutet für ihn Rückschritt und selbst Wachstum (an was auch immer) ist unbedeutend, wenn es hinter dem der anderen zurückbleibt.

Der Mensch ist so zum Unternehmer seiner selbst geworden, dessen ökonomisches Trachten in all seine Lebensbereiche ausgreift: Han nennt vor allem den Verlust an echter Freundschaft, die nicht auf einen Zweck gerichtet ist, aber auch die Loslösung von Gott und Religion, von unserer natürlich scheinenden biologischen Ausstattung, schließlich vom Anderen, dessen Blick unsere Freiheit infrage stelle. Wir blicken den Anderen heute nicht mehr an, wir blicken an ihm vorbei, symptomatisch dafür nennt er die Skype-Kommunikation, die kein gleichzeitiges In-die-Augen-Blicken mehr erlaubt, da die Kamera über dem Bildschirm angebracht ist. Der Blick des anderen, in dem ich mein Angeblicktwerden erblicke und mich gleichsam konstituiere, fällt heute mehr und mehr weg. Zweimal führt Han das Beispiel aus seinem Geburtsland Süd-Korea an, in dem die Menschen in der Metro von Seoul entweder auf ihr Smartphone blicken oder schlafen. Eine gespenstische Gesellschaft von Smartphone-Zombies.

Die Dialektik von Herr und Knecht, die zu bemühen hier nicht schwer fällt, ist hier selber aufgehoben: Das Ende der Geschichte wird für Han dadurch markiert, dass im modernen Menschen der Herr und der Knecht zusammen fallen. Ich beute mich selbst aus, also werde ich ausgebeutet.

Sinn und Zweck all dieser Ausbeutung wird von Han nur angedeutet - es handelt sich um ein Modell des Anerkennens: Indem ich meinen Status erhalte, sichere ich meine Anerkennung durch andere. Darin liegt der Sinn meines Handelns, ob es sich um das Lernen in der Schule, die Berufswahl, den Konsum, meine Freizeitgestaltung oder meine Beziehungen handelt.

Die herkömmlichen Gesellschaften waren eine Gesellschaft des "Du sollst", heute beruht sie im Westen auf einem "Ich kann" - das allerdings aufgrund des Fehlens von Grenzen und Bindungen in ein "Ich muss" umschlägt. Eine Alternative wäre eine nicht-modalverbiale Gesellschaft, eine des Soseins ohne Zwang, und eindrucksvoll zitiert Han hier Dschuang-Dse mit seiner Utopie der anderen Gesellschaft der Versehrten, in dem man Gebrauch vom Unbrauchbaren mache. 

Soweit die Bestandsaufnahme - neu ist das nicht, aber pointiert und wohl formuliert. 
Was aber ist die wirkliche Ursache für die Misere? Han nennt sie nicht, stattdessen bezeichnet er sich fortwährend als Phänomenologen, der an der Erscheinung der Dinge interessiert sei. Und wie die Krise des modernen Subjekts erscheint, kann er an viel sagenden Aperçus festmachen: die Nord-Koreaner, die nach ihrer Flucht in den Süden wieder in ihr Heimatland zurückgehen, frustriert von der Sinnlosigkeit und Isolation des westlichen Menschen. Die Mengen an Kaffee, die getrunken zu haben sich ein südkoreanisches Schulkind rühmt, als Ausweis seines Arbeitsethos. 

Und trotzdem die Wertung: das Projekt der Freiheit ist gescheitert. Und die Forderung: eine zwanglose Gesellschaft soll an ihre Stelle treten. Wie dies zu machen ist? Han will keine Rezepte geben, gibt sie doch und bleibt oberflächlich und widersprüchlich: wir müssen vor allem komplexer denken!Wir müssen vor allem handeln!

Dass es für den Dialektiker, als den Han sich bezeichnet, kein Scheitern geben kann, sondern die Krise nur ein weiterer notwendiger Schritt ist, und es nur eine weitere Synthese gibt, nämlich die von Freiheit und Zwang zu einer freiwilligen Selbstbindung - Han übersieht dies. 

Auch fällt auf, dass der Begriff Kapitalismus kein einziges Mal fällt. Dabei liegt es nahe. Han geht es um die Auswirkung digitaler Medien, Soboczynski hält sein Modell der Demokratie dagegen - als wäre es eine Frage der medialen Ausstattung oder der Regierungsform, ob die Ausbeutung der Menschen in ihr Seelenleben hineinverlagert wird oder nicht.

Die Frage, ob das westliche Wirtschaftssystem die Misere erst verursacht hat (und nicht Renaissance und Aufklärung) liegt nahe und wird doch verdrängt. Wenn man bei der ganzen Phänomenologie der Krise nicht Ross und Reiter nennen will, ob aus stilistischen oder rhetorischen Gründen, so ist das zu kurz gesprungen.