22.06.13

Spanien ist anders - Rezension zu Paul Ingendaays "Gebrauchsanweisung für Spanien"

 von Gunnar Kaiser



Es ist ja eigentlich schon fast wieder erstaunlich, dass wir in einer Welt, in der sich alles in fortschreitendem Maße anzunähern, anzugleichen scheint, noch Hilfestellungen brauchen, wie wir mit fremden Kulturen oder Regionen umzugehen haben. Dass der Wunsch nach einer Anleitung, nach einem kundigen Führer auf unserer Reise durch die Welt groß ist und einen ganzen Ratgebermarkt gebiert, das beweist nicht zuletzt der Piper Verlag, der mit seiner „Gebrauchsanweisungen“-Reihe dem irrenden Wanderer zwischen den Kulturen Rat verspricht. Dreiundzwanzig solcher Gebrauchsanweisungen liegen derzeit vor, für so exotische Länder wie Bayern, aber auch so längst bekannte wie Amerika. Die Autoren, darunter namhafte wie Birgit Vanderbeke oder Paul Watzlawick, stehen für eine Mischung aus Authentizität, Unverkrampftheit und Stilempfinden.

Die „Gebrauchsanweisung für Spanien“ hat der Kulturkorrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Paul Ingendaay, geschrieben. Er lebt seit 1998 in Madrid, man sollte bei ihm also eine gewisse Vertrautheit mit dem Stoff – eben Spanien und die Spanier – vermuten. Und diese, gepaart mit einem scharfen Blick für das Gewöhnliche und Ungewöhnliche des Anderen, beweist Ingendaay auf jeder der 180 Seiten seines Buches.

In 19 bündigen Kapiteln erklärt der Autor dem Spanienfreund nicht nur, was er schon immer wissen wollte, sondern auch Dinge, von denen er nicht wusste, dass er sie wissen wollte. So erfahren wir, dass rote Ampeln für spanische Autofahrer eher Empfehlungscharakter haben, dass Spanien zugleich das Land mit dem zweithöchsten Geräuschpegel und mit der zweihöchsten Lebenserwartung ist, oder dass man einen Spanier am treffendsten beleidigen kann, wenn man ihm differenzierte Einsichten über sein Land aufdrängen will. Ingendaay hat hier einen tiefen Blick in die Seele der Spanier getan. Wir erfahren etwas über Stierkampf, über Paella und Fiesta, über Fußball, über die „schönste Sprache der Welt“. Aber auch „das andere Spanien“ kommt dem Autor in den Blick. Alltägliches, Politisches und Zeitgeschichtliches gehen hier eine geschickte Verbindung ein.

Die Erzählungen über Sitten und Gebräuche, die durch eigene Erlebnisse angeregt wurden, sind an einigen Stellen etwas zu langatmig geraten, was bei der Lebendigkeit des Ganzen aber kaum ins Gewicht fällt. Diese Lebendigkeit erreicht der Autor nicht zuletzt durch einen Mut zu Verkürzung und Beschränkung, auch dort, wo er sicher Komplexeres zu schildern wüsste, z. B. über die Aussöhnung mit der Franco-Diktatur, über das baskische Problem, über Real Madrid. Ingendaays Stil ist von Anschaulichkeit und Frische geprägt, was gerade den notwendigerweise etwas trockeneren Stellen über Politik oder Geschichte zugute kommt. Nicht immer frei von Idealisierung im Urteil über Spanien und der Versuchung, im Urteil über Deutschland auch Plumpheiten in Kauf zu nehmen, beweist Ingendaay doch einen kritischen Blick und einnehmenden Humor. Den Abschluss macht er mit einer kenntnisreichen Empfehlungsliste von Büchern über Spanien, in die er sein eigenes getrost aufnehmen dürfte.

Wozu überhaupt Gebrauchsanweisungen für fremde Länder? könnte man fragen. Ein Land ist doch kein Videorekorder, dessen Bedienung man mühsam erlernen muss, um mit ihm zurecht zu kommen. Ein Volk ist doch kein Auto, das man erst versteht, wenn man sich über seine Verwendung im Klaren ist. Oder etwa doch? Ingendaay zerstreut diese Zweifel nicht, aber er gibt einige Hinweise, warum für uns Deutsche (im Gegensatz zu den heimatverbundenen Spaniern) so etwas wie eine Gebrauchsanweisung geradezu typisch ist. Diese ewige quälende Unsicherheit dem Anderen und Fremden gegenüber, die aus einer Unsicherheit sich selbst gegenüber stammt – wer sich im Umgang mit einem Videorekorder sicher ist, braucht keine Anweisung. In Spanien, in diesem „wahrhaft unzerknirschten Land“, wie Ingendaay es nennt, wäre so etwas wie eine „Gebrauchsanleitung für Deutschland“ nur schwer verkäuflich. Und, wie könnte es anders sein, fast noch mehr als über die Bewohner der iberischen Halbinsel erfahren wir durch die Lektüre von Ingendaays schlauem Büchlein von uns, von den Deutschen, den Zerknirschten.



Paul Ingendaay: Gebrauchsanweisung für Spanien.
Piper Verlag, München 2002.
191 Seiten, 12,90 €.

ISBN 3-492-27518-4