20.07.13

Tabu und Camouflage - Über die Studienausgabe von Heinrich Deterings „Das offene Geheimnis“

von Gunnar Kaiser


1994 erschien dieses Buch zum ersten Mal und es hat keine geringe Menge an Forschungsdiskussionen ausgelöst. Zu brisant das Thema, zu heilig der Gegenstand, zu schlagkräftig die Analysen, als dass man sich hätte vorstellen können, eine solche Untersuchung bliebe unbemerkt im Wissenschaftsbetrieb. Zumal es auch dringend nötig war, den sich formierenden Bemühungen um eine homosexuelle Literaturgeschichte ein sachlich fundiertes und grundlegendes Werk zur Seite oder voran zu stellen.

Ebenso nötig scheint daher auch die Studienausgabe von Heinrich Deterings Untersuchung „Das offene Geheimnis“, die der Wallstein-Verlag herausgibt. Der Untertitel lautet: „Zur literarischen Produktivität eines Tabus von Winckelmann bis zu Thomas Mann“. Er könnte nicht treffender gewählt sein. Denn in erster Linie geht es um den literarischen Prozess, der abläuft, wenn etwas umschrieben werden soll oder muss, was nicht benannt werden kann oder darf.



Als Paradigma für ein solches Tabu, das umgangen werden muss, gilt Detering die „Darstellung der Liebe zwischen Männern“. Und was könnte fruchtbarer sein als die Entzifferung des offenkundigen Rätsels, die Entlarvung des subversiven Versteckspiels, das von Schriftstellern seit jeher – nämlich in Zeiten der Inkriminierung von Homosexualität – veranstaltet wurde? Detering widmet sich dieser „doppelbödigen Lektüre“; er untersucht, wie es dazu kommt, dass Texte etwas ausdrücken, was sie eigentlich nicht sagen, oder: „Nicht wie Homosexualität entsteht oder was sie ,ist’, wird hier gefragt, sondern auf welche Weise und mit welchen ästhetischen Konsequenzen ein literarischer Text auf ihre Tabuisierung reagiert: also nach den literarisch produktiven Folgen eines gesellschaftlichen Tabus.“

Wertvoll werden Deterings Analysen nicht zuletzt dadurch, dass sie Homosexualität als exemplarisches Fallbeispiel für eine gesellschaftliches Tabu behandeln, die Möglichkeiten ihrer subversiven Darstellung also en détail betrachten, sie dabei aber nicht isolieren: nicht um die ,Entlarvung’ des Homosexuellen in der Literatur geht es, sondern um die Strategien der Sprache, ein Tabu zu unterwandern. Dass die Tabuisierung der Männerliebe durch ihre große Verbreitung und Kontinuität als Paradigma gilt, erlaubt es, Deterings Werk – im Gegensatz zu manchen anderen Forschungen auf diesem Gebiet – auch für weitere Kontexte nutzbar zu machen.

„Wie sollen wir reden?“ fragt sich Detering mit dem Protagonisten in Herman Bangs Roman „Die Vaterlandslosen“ eingedenk der Schwierigkeiten, das fast Unsagbare oder unsagbar Gemachte ausdrücken zu wollen. Terminologische Klarheit, beispielhaftes Problembewusstsein und wissenschaftliche Integrität gehen in Deterings Untersuchung Hand in Hand. Dies hält sie auch davon ab, eine Art „Typologie homosexueller Ästhetik“ beschreiben zu wollen.

Die Gemeinsamkeiten der Schriftsteller, die sich gezwungen sahen, ihre eigene „Andersheit“ zu artikulieren, sieht Detering eher in der „Konstanz der sozialen Sanktionierung“ denn in einem ,typisch’ homosexuellen Innenleben. Gegenstand werden ihm Schriftsteller, deren Texte verhüllt von Homoerotik (Detering zieht diesen Terminus dem der Homosexualität vor) sprechen. Er sichert sich zudem gegen den Vorwurf der „Homosexuellenriecherei“ ab, indem er jeweils Komplementärtexte (Briefe, Tagebücher etc.) heranzieht, die die Homosexualität ihres Verfassers mit bis zur couragierten Deutlichkeit gehender Bestimmtheit kundgeben. Dass selbst diese denkbar eindeutigen Texte von namhaften Forschern in ihrem Offenbarungscharakter angezweifelt wurden und werden, scheint die Brisanz der Problemlage noch zu erhöhen.

In sieben Kapiteln untersucht Detering die Techniken der Camouflage an Texten von Johann Joachim Winckelmann, August von Platen, Heinrich von Kleist, Adelbert von Chamisso, Hans Christian Andersen, Herman Bang und Thomas Mann. Durchweg alle Analysen sind von einem hohen Maß an offenlegender Argumentationslust und kritischem Scharfsinn geprägt. Wo es angebracht ist, sind diese jedoch stets – und dass macht das Buch um so bedeutungsvoller – gepaart mit Diskretion und Zurückhaltung. Hervorzuheben ist m. E. die vorzügliche Auseinandersetzung mit Chamissos Erzählung „Peter Schlemihl“, die dem Schattenmotiv eine Deutung von eminenter Plausibilität zukommen lässt, ohne je von einer Abschließbarkeit der Deutungen auszugehen oder das Dargestellte gänzlich in seiner Deutung aufgehen lassen zu wollen.

Dies gilt weitgehend auch für die anderen Kapitel. „Als poetisches Bild“, ist sich Detering bewusst, ist das Kunstwerk stets „grundsätzlich verschieden“ von seinen „Etikettierungen“. Auf diesem Terrain, das so unversehens zu simplifizierenden Plattheiten führen kann, bewegt sich der Autor stets mit Sicherheit und gebührender Hochachtung vor der literarischen Leistung an sich, die er durch seine Lektüren nur kenntlicher, facettenreicher macht.

Mit der Studienausgabe von Deterings „Das offene Geheimnis“ liegt nun eine erschwinglichere, durchgesehene und in den Forschungsdiskussionen gekürzte Ausgabe dieses nötigen Werks vor.



Heinrich Detering: Das offene Geheimnis. Zur literarischen Produktivität eines Tabus von Winckelmann bis zu Thomas Mann.
Durchgesehene und mit einer Nachbemerkung versehene Studienausgabe.
Wallstein Verlag, Göttingen 2002.
464 Seiten, 26,- €.
ISBN 3-89244-61-2