05.08.13

Fülle des Wohllauts - Zur Hörspielbearbeitung von Thomas Manns "Zauberberg"

von Gunnar Kaiser

Thomas Manns Roman "Der Zauberberg" ist der Prototyp unter den Romanen der klassischen Moderne, die das herkömmliche Erzählen noch nicht ganz unter Generalverdacht gestellt haben. Seine Rezeptionsgeschichte ist ebenso weitschweifig wie sein Bekanntheitsgrad auch unter Nicht-Lesern groß ist. Es ist daher kein geringes Wagnis, sich an eine Radio- und Hörbuchfassung zu setzen. Die Gefahr des Scheiterns, und sei es auch auf hohem Niveau, ist einfach zu hoch, als dass man den Verantwortlichen vorwerfen könnte, mit der Vorlage auf Nummer sicher gehen zu wollen. Auf einem derart komplexen und dazu prominenten (wenn auch nicht immer präsenten) Text wie dem „Zauberberg“ kann man sich einfach nicht ausruhen, wenn man ihn in ein anderes Medium, hier in das eines Hörspiels, übertragen will. Wie beim Film lautet die Kritik auch hier zu häufig, die zweite Version sei entweder ein bloßer Aufguss der ersten, ohne die spezifischen Bedingungen des Mediums zu nutzen, oder sie lasse der Fantasiewelt des Lesers keinen Raum zur Entfaltung und überdecke den Leseeindruck nur unnötig durch technische Spielereien.


Nun ist „Der Zauberberg“ nicht die erste Vorlage von hohem Bekanntheitsgrad, an der sich Valerie Stiegele, die Hörspielbearbeiterin des vorliegenden, bereits 2000 erstmals erschienenen Hörbuchs, versucht hat. Hervorgetan hatte sie sich bis dato vor allem mit den Bearbeitungen der Mankell-Krimis, während in letzter Zeit literarische Schwergewichte wie Hesses „Steppenwolf“ oder Prousts „Combray“ im Vordergrund standen. Auch die übrigen Mitwirkenden können sich sehen und (vor allem) hören lassen: Regie geführt hat der durch Peter Steins Faust-Lesung bekannte Ulrich Lampen, und Felix von Manteuffel, Traugott Buhre oder Karina Krawczyk lauten nur einige der geläufigeren Namen der Sprecherinnen und Sprecher, die dem Personal des Kurhotels ihre Stimme leihen. Produziert wurde das ganze Projekt vom Bayerischen Rundfunk unter Barbara Schäfer und Herbert Kapfer, die zuletzt auch für die Redaktion des „Moby Dick“-Hörbuchs verantwortlich zeichneten.

Dass die Mitwirkenden sich der Anmaßung weitgehend bewusst sind, die darin liegt, ein so in sich geschlossenes Werk wie den „Zauberberg“ umformen und transferieren zu wollen, erfährt man nicht nur anhand einiger Äußerungen im Booklet, sondern auch beim Hören. Denn die Hörspielbearbeitung zeichnet sich vor allem durch den Versuch gewissenhafter Werktreue und Genauigkeit aus. Das entscheidende Problem wird es auch hier gewesen sein, aus dem für ein herkömmliches Hörspiel viel zu großen Umfang Teile herauszulösen, um sie in einer der Radioform angemessenen Weise wieder zu einem Ganzen zusammenzufügen. Das alles, ohne das viel gerühmte Beziehungsgeflecht aus Leitmotiven und Symbolen zu stark anzutasten. Das Hörspiel zeichnet sich durch einen großen Respekt vor der Vorlage aus, der das Ganze zuweilen allerdings ein wenig steif und unbeweglich macht. Es überwiegt bei der Produktion nicht gerade experimentierfreudige Entdeckerlust, was vor allem die musikalische Bearbeitung deutlich macht. Jedes Kapitel mit der selben Cellosequenz zu beginnen, mag orientierungsstiftend sein, trägt aber auch zu einer gewissen Eintönigkeit bei. Auch die historischen Aufnahmen z. B. von „Aida“ im Kapitel „Fülle des Wohllauts“ kommen gewiss gefällig daher, sind aber nichts, was einem Deutschleistungskurs nicht auch eingefallen wäre.

Gleichwohl ist der „Zauberberg“ ein ideales Modell für eine Hörspielbearbeitung, wie sich beim konzentrierten Hören erweist. Sowieso sei das Epische Hörwerk weit eher als Lesewerk, wie Thomas Mann schon 1940 anlässlich einer Schallplattenausgabe der „Buddenbrooks“ eingestanden hat. Ähnlich dem Buch vermag auch die akustische Form, uns in die Welt derer „da oben“ hinein zu ziehen. Die Atmosphäre ist extrem dicht und nimmt im Verlauf an Dichte sogar noch zu, was vor allem an der hervorragenden Leistung der Sprecherinnen und Sprecher liegt.

Die Auswahl Konstantin Graudus‘ für die Rolle des Hans Castorp muss als Glücksgriff bezeichnet werden, gelingt es seiner zwischen Naivität, Arglosigkeit und Altklugheit angelegten Stimme doch ausgezeichnet, den Charakter des Helden hörbar zu machen. Auch Udo Samels „märchenhaft“ sonore Erzählerstimme oder Friedhelm Ptoks Leistung als Hofrat Behrens hat man noch lange Zeit nach dem Hören im Ohr. Felix von Manteuffel hält sich dazu streng an Thomas Manns „Regieanweisungen“, nach der Settembrini „ohne fremden Akzent“ zu sprechen sei, während man „nur an der Genauigkeit seiner Lautbildung“ den Ausländer hätte erkennen können.

In seinem Vorwort zur Buddenbrooks-Schallplatte richtet sich Thomas Mann noch vornehmlich an die, „denen das Schicksal das Augenlicht zum Lesen versagt hat.“ Sechzig Jahre später ist das Publikum für Hörbücher sehr viel breiter geworden. Auch die, die lesen könnten, wenden sich dem anderen Medium zu, und das nicht ohne Grund, wie die vorliegende Hörspielbearbeitung zeigt. Ihr großes Verdienst ist es, sich zugleich an diejenigen zu wenden, die das Werk schon in Buchform kannten, als auch an diejenigen, die zum ersten Mal mit dem Stoff in Berührung kommen. Beiden Hörergruppen wird es wohl gleich viel Spaß machen, Thomas Manns Forderung zu erfüllen, den Roman eigentlich zweimal lesen (oder hören) zu wollen.

Thomas Mann: Der Zauberberg.
Hörspielbearbeitung: Valerie Stiegele; Regie: Ulrich Lampen
Produktion: BR/Hörspiel und Medienkunst
Der Hörverlag, München 2000/2003.
10 CDs, ca. 516 Min. 49,95 €
ISBN 3-89940-258-8


Rezension erstmalig erschienen unter: