23.09.13

"It can be done" - Filmkritik zu "Der Fall Wilhelm Reich"

Den Körper heilen, die Seele therapieren, die Gesellschaft

beschreiben, die Natur erforschen - für gewöhnlich widmet sich ein wissenschaftliches Leben nur einer Disziplin, wenn es Großes erreichen will. Nicht so Wilhelm Reich, denn nichts an dem wissenschaftlichen Leben des österreichisch-US-amerikanischen Forsches war gewöhnlich. Dass er Großes erreicht hat, ist in Vergessenheit oder eher: der Zensur zum Opfer gefallen.

"Der Fall Wilhelm Reich" zeigt die Vorgänge, die dazu geführt haben, dass man Wilhelm Reich heutzutage nicht in einem Atemzug mit Freud und Einstein nennt, sondern seine Werke lange Zeit auf dem Buchmarkt und im akademischen Bereich kaum wahrnahm.

Antonin Svoboda, der Regisseur, hat einen Film geschaffen, der die Faszination der Person Wilhelm Reich mit dem Interesse für seine Erkenntnisse zu vereinen vermag. Es liegt im Genre Biopic, die Gratwanderung zwischen dramatischer Zuspitzung und Identifikation mit der Hauptfigur auf der einen Seite und Faktentreue und wissenschaftlicher Lauterkeit auf der anderen gehen zu müssen. Svobodas Film gelingt dies, nicht zuletzt aufgrund der hervorragenden schauspielerischen Leistungen, allen voran Klaus Maria Brandauer, in dessen Spiel sich die charakterlichen Eigenheiten Wilhelm Reichs von Dickköpfigkeit bis Fatalismus widerspiegeln. 

Wilhelm Reich tritt uns hier als liebenswerter, charismatischer, aber auch als in seinen Kämpfen um unvoreingenommene Erkenntnis und wissenschaftlichen Fortschritt beinahe resignierender Mann entgegen. Seine Auseinandersetzung mit der Food and Drug Administration, die zu einem Verbot seiner Schriften und des Verkaufs der Orgonakkumulatoren geführt hat, seine Enttäuschung über die Zurückweisung durch Einstein, sein Kampf mit der eigenen Gesundheit prägen seine letzten Jahre im US-amerikanischen Exil. Die Zensur der McCarthy-Ära, die den in Nazi-Deutschland als Juden Verfolgten nun als Kommunisten verfemt, erscheint in ihrer geradezu faschistischen Brutalität in der Gestalt Schlapphut tragender Agenten und Kittel tragender Ärzte, die auch vor Elektroschocks zur Gehirnwäsche nicht zurückschrecken. 

Reich selber ist hier nie der von den Zwängen des Allzumenschlichen befreite Guru, der Erleuchtete, für den man ihn angesichts seiner Erkenntnisse um Charakterpanzerung und Lebensenergie vielleicht halten könnte. Bezeichnend die Szene, in der er seine Tochter nach zehn Jahren unerwartet wiedersieht und seine Umarmung zwischen menschlicher Anteilnahme, ängstlicher Zurückhaltung und schützender Kälte changiert.

Auch Julia Jentsch, zurückhaltender freilich als in ihrer Paraderolle als Sophie Scholl, nimmt man das suchende Zweifeln der Tochter ohne Weiteres ab. Eindrucksvoll spielt Birgit Minichmayr die Rolle der für die CIA spionierenden Mitarbeiterin Aurora, die sich zwischen Eigeninteresse und Sympathie für Reichs Werk hin und her gerissen sieht.

Während des Films bieten sich hier und da Wege an, die ein Filmemacher ebenfalls hätte gehen können - plots, die seiner Geschichte vielleicht noch mehr Publikumstauglichkeit verliehen hätten, denn diese scheint Reichs Schicksal zur Genüge zu bieten. Es ließe sich ein Film vorstellen, der die Sicht der Tochter zeigt, die ihren als Exzentriker verschrienen Vater seit zehn Jahren zum ersten Mal aufsucht und kennen lernen will. Ihre Suche, ihre Auseinandersetzung mit dem Ruf ihres Vaters stünde hier im Vordergrund. Oder ein Film über die Abkehr eines wissenschaftlichen Mitarbeiters in Orgonon, die zu dessen Tätigkeit als Staatsanwalt im Fall gegen seinen ehemaligen Lehrer geführt hat. Oder ein Film über die Liebe und die Nöte von Reichs Frau Ilse, die ihn aus Verzweiflung über seine naive Sturheit schließlich mitsamt Sohn verlässt.

All diese Filmmöglichkeiten lässt Svoboda nur anklingen. Dem Film ist anzumerken, dass sein Film tatsächliches Interesse an der wissenschaftlichen Arbeit ihres Protagonisten sowie an deren Vermittlung dem Zuschauer gegenüber hegt. Dramaturgische Kunstgriffe können da auch stören.

Gleichwohl gelingen eindrucksvolle Bilder, die im Vergleich zu den teilweise trockenen Dialogen den Reiz des Films ausmachen. Naturaufnahmen aus der Seenlandschaft Maines und der Wüste Arizonas, für die der Zuschauer sich sogar noch mehr Zeit gewünscht hätte. In der letzten, traumhaft-surrealen Szene, entkommt Reich als Reminiszenz auf Formans "Einer flog über das Kuckucksnest" aus seiner Gefängniszelle, deren Gittertüren sich vor dem See und den grünen Hügeln öffnen, hinter denen er schließlich verschwindet. Im Kopf haben wir, gleichsam als Motto für Wilhelm Reichs sowie für all unser Tun, den Satz, den wir zuvor nur halb lesen konnten, und der nun in die Mauer der Zellenwand geritzt steht: "It can be done."


erschienen auf literaturkritik.de
http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=18514