14.09.13

Rezension zu Kathrin Schmidt: Koenigs Kinder


Ein Kind wird gefunden. In den Tageszeitungen macht der Fall Schlagzeilen. Im Gebüsch hinter einer Tankstelle liegt „die kleine Janina“, die von ihren Eltern als vermisst gemeldet wurde. Ihr Hals wurde aufgeschlitzt und ungeschickt wieder zusammengenäht, so dass sie, kaum zu atmen wagend, ins Krankenhaus gebracht werden kann und einige Zeit später wieder aus den Schlagzeilen verschwindet.

Nur in den Figuren von Kathrin Schmidts Roman „Koenigs Kinder“ hallt dieser Fall nach. Er hat in ihnen etwas losgetreten. Der Mann, der das Mädchen – ein Zufall? – gefunden hat, der Berliner Rechtsanwalt Marl, wünscht sich schon lange „ein eigenes Kind“, ein solches wie die kleine Janina, womit er seine Beziehung zu Frieling, der sich in solchen Plänen zu wenig berücksichtigt sieht, arg ins Wanken bringt. Die Lehrerin Lioba hingegen leidet noch immer halbbewusst daran, ihr „eigenes Kind“ verlassen zu haben, und scheint es nun fast wiederfinden zu können, als sie – ein Zufall? – mit der Kasachin Sinaida zusammentrifft. Diese, die ihr „eigenes Kind“ durch einen Unfall verloren hat und jetzt mit ihrer Enkelin und deren Mann in Ostberlin zusammenlebt, sucht nach dem Vertrauten der Kindheit und findet – ein Zufall? – am Ende doch noch so etwas wie Heimat in der Fürsorge für ein blindes Mädchen.

Was verbindet diese Figuren, von denen der Roman abwechselnd erzählt? Sie alle vermissen etwas, ihnen allen fehlt etwas, doch können sie kaum benennen, was es ist. Sie, die von der Erzählerin wie Teile eines unvollständigen Puzzles zu einem ostdeutschen Panorama angeordnet sind, sind auf der Suche nach der verlorenen Kindheit. So fungiert auch das Kind, mit dessen anfänglichem Fund alles anfängt, als bedeutsame Leerstelle, gleichsam als blinder Fleck. Den Menschen in Schmidts Roman ist etwas weggenommen, sie sind wie durch einen Messerschnitt von sich abgetrennt und nur dürftig wieder zusammengenäht. Und mit verschiedenen Defekten irren sie durch ihre Geschichte der Trennungen. In dieser Geschichte heilt die Zeit eben doch nicht alle Wunden. 

Wie schon in der „Gunnar-Lennefsen-Expedition“, ihrem ersten Roman, demontiert Kathrin Schmidt auch hier alle Beziehungen des traditionellen Familienbildes. Die einzige Figur, die ein wenig Glanz besitzt, die eine wahre „Vaterfigur“ sein könnte, da sie sich aufopfernd um eine debile Putzfrau kümmert – als wäre diese ihr „eigenes Kind“ – ist gar nicht Vater im leiblichen Sinne. Und die Figuren, die leibliche Väter sind, sind keine Vaterfiguren.

Das, was hier gleichzeitig aufreizend sperrig wie geduldig erzählt wird, aufgezählt wird, ist eine Kriminalgeschichte, nur alles andere als eine klassische. Es geht um ein Verbrechen, um das Verbrechen am Kind. Es geht darum, wer es getan hat. Wer diese Verletzungen zugefügt hat, die kaum heilen wollen. Wie endet das alles? Das hier zu verraten, hieße, zuviel zu verraten. Aber selbst, wenn man „Koenigs Kinder“ gelesen hat, glaubt man, es trotz aller Bemühung um Aufklärung immer noch nicht so genau zu wissen: Wie soll das nur alles enden?



Kathrin Schmidt: Koenigs Kinder. Roman.
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2002.
344 S., 17,90 €.