09.10.13

Immer noch aktuell, immer aktueller - Juli Zeh und Ilija Trojanow: Angriff auf die Freiheit


Dem Schriftsteller Ilija Trojanow wurde die Einreise in die USA verweigert, wo er an einem Germanistenkongress teilnehmen wollte. Gründe wurden seitens der Behörde nicht genannt. Das ist auch nicht nötig, denn als Mitverfasser des Buches "Angriff auf die Freiheit" und als Unterzeichner einer Petition gegen die NSA war es nur eine Frage der Zeit, bis das System ihm sein wahres Gesicht zeigen würde.



"Menschen, die sich für Bürgerrechte stark machen, werden als Staatsfeinde behandelt", schreibt Juli Zeh, die mit Trojanow zusammen das Buch "Angriff auf die Freiheit" verfasst hat. Liest man ihr Buch in diesen Tagen erneut, wird klar, wie wenig davon noch überraschen kann.



Juli Zehs und Ilija Trojanows Buch jetzt, nach den Enthüllungen Edward Snowdens über die NSA zu lesen, bringt zudem ein Aha-Erlebnis mit sich, da alles, was bereits 2009 so fundiert und präzise über unsere Gesellschaft beschrieben wurde, sich mittlerweile als unaufhaltbar darstellt. Die Entwicklungen, die die Autoren nicht voraussehen konnten, bestätigen beide in ihren Warnungen, scheinen sie jedoch in ihrem am Schluss formulierten Optimismus fast zu widerlegen. Nichts scheint sich getan zu haben seitdem, kein Aufschrei, keine öffentliche Diskussion, die die Politiker zum Umdenken hätte bewegen können, stattdessen eine Ausweitung der Überwachung ins Totale und die fraglose Übernahme von Terrorangstmache und Sicherheitswahn in den Medien.



Die Grundannahme aus "Angriff auf die Freiheit" lautet: Die westlichen Staaten bedienen sich, da sie selber keinen Terror ausüben dürfen, des Terrors anderer zu Zwecken der Machtausübung.
Zeh und Trojanow beschreiben Ursachen und Ausmaße von Kontrollphantasien der Exekutive und der Konzerne. Sie legen dar, dass die Demokratie kein naturgegebener und von nun an ewig herrschender Zustand ist, sondern ein fragiles System, das stets in großer Gefahr schwebt, abgeschafft zu werden. Dass Politiker sich Einstellungen und Äußerungen erlauben, die eines Demokraten mehr als unwürdig sind und offenbaren, wes Geistes Kind sie sind. Dass mit der Terrorangst Umbaumaßnahmen an Staat und Gesellschaft vorgenommen werden, die ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr umkehrbar sind.

Dieser Zeitpunkt scheint erreicht zu sein. Was als Warnruf 2009 noch sinnvoll schien, scheint nunmehr seines Zwecks zu entbehren, da sich Öffentlichkeit, Wirtschaft und Politik als in ihrer Tiefe unbeeinflussbar zeigen.

Eine Frage wird von den Autoren weder gestellt noch beantwortet, vielleicht weil sie zu weit vom Thema Sicherheitswahn wegführen würde: Welche Ursachen haben die Terroristen eigentlich für ihr Handeln? Ist es wirklich der pure Hass auf die Weltanschauungen anderer Gesellschaften? Oder steckt ein Gefühl dahinter, vom "Westen" ungerecht behandelt zu werden - ein Gefühl, das gute Gründe hat?