09.11.13

Ein Glücksfall - Zur Taschenbuch-Ausgabe der „Sämtlichen Werke“ Georg Büchners

Die Situation mutet komisch, ja grotesk an: Ein Werk, das im Zeitraum von weniger als acht Jahren aus Geist und Feder eines Mannes geflossen ist, dessen Leben bereits im Alter von 23 Jahren endete, zieht eine Wirkungs- und nicht zuletzt Editionsgeschichte nach sich, in deren Verlauf ganze Lebensprojekte gescheitert sind. Zwischen der Schmalheit des Büchnerschen Œuvres und dem erklärten Willen seiner Herausgeber zu ebenso minutiöser wie extensiver Kommentierung besteht dabei eine die Paradoxie vervollständige Diskrepanz.

Unbestritten ist die prinzipielle Notwendigkeit eines solchen Vorgehens, das sich aus der Büchners Modernität begründenden Vielschichtigkeit ergibt. Auch die zahlreichen Bearbeitungen, sei es für das Theater, die Musik oder die Literatur, übersteigen in ihrer Quantität den Textkörper, auf den sie sich beziehen, um ein vielfaches. Die wissenschaftliche Sekundärliteratur ist längst ins Unübersichtliche gewachsen und auch die vielen sich zum Teil erheblich voneinander unterscheidenden Textausgaben tragen nicht gerade zur Entkomplizierung des Büchner-Bildes bei. Die bunte Geschichte der Versuche zu einer Gesamtausgabe stellt sich zudem, vor allem in den letzten beiden Jahrzehnten, als Schlachtfeld dar. Georg Büchners Bruder Ludwig besorgte 1850 die „Nachgelassenen Schriften“, es folgte eine 1879 „Erste kritische Gesammt-Ausgabe“ und die von Fritz Bergemann in den 1920er Jahren begonnene und beinah vierzig Jahre später neu durchgesehene Gesamtausgabe der Werke und Briefe. Mit der unabgeschlossenen Historisch-Kritischen Ausgabe von Werner R. Lehmann schließlich schien das Unternehmen, Büchners Text endgültig dingfest zu machen, gescheitert, bis sich im Jahre 1979 die Georg-Büchner-Gesellschaft und ein Jahr darauf die Marburger Forschungsstelle Georg Büchner unter anderem zu dem Zweck konstituierten, eine neue, auf 14 Bände bemessene Historisch-kritische Ausgabe zu erarbeiten.

Die Tatsache, dass das Erscheinen der ersten Bände auf sich warten ließ, bot unterdessen anderen Forschern die Möglichkeit, eine akzeptable Ausgabe der Texte vorzulegen. So geschehen vor nunmehr einem Jahrzehnt durch Henri Poschmann im Deutschen Klassiker Verlag. Seine zweibändige, textkritische und ausführlich kommentierte Ausgabe der Dichtungen, Schriften und Briefe mitsamt allen Fassungen und Entwürfen begeisterte damals weite Teile der Fachpresse, die von einem schwer zu übertreffenden editorischen Standard sprach und gar mutmaßte, die Edition werde „sicher für absehbare Zeit alle früheren Büchner-Ausgaben ersetzen.“

Vier Monate nach dem Erscheinen des fünften Bandes der Historisch-kritischen Büchner-Ausgabe („Lenz“) und einige Monate vor dem voraussichtlichen Erscheinen von „Leonce und Lena“ (Bd. 6) ist nun die Gesamtausgabe des Deutschen Klassiker Verlages als Taschenbuch erhältlich. Der erste der beiden Bände, der 1992 erstmals erschien, enthält neben Büchners Dichtungen Übersetzungen zweier Dramen Victor Hugos, „Lucretia Borgia“ und „Maria Tudor“. Die Arbeit des Büchner-Herausgebers sieht sich natürlich vor allem beim „Woyzeck“ mit seinen z. T. unentzifferbaren Handschriften vor arge Probleme gestellt. Poschmann bietet hier, sozusagen mit doppelter Rücksicht auf Authentizität und Aufführungspraxis, eine akzeptable „Kombinierte Werkfassung“, der dann die beiden Teilentwürfe, die Hauptfassung und der Ergänzungsentwurf folgen. Über die verworrene Textüberlieferung gibt eine nützliche Übersicht Auskunft. Darüber hinaus bringt der Anhang die wichtigsten Quellentexte zu den Dichtungen.

Der zweite, 1999 erschienene Band ist in die Abteilungen Schriften aus der Jugendzeit, Schriften über Politik, Naturwissenschaft und Philosophie sowie die Briefe von und an Büchner unterteilt. Unter den Schriften aus der Jugendzeit findet sich erstmals eine von Büchner ins Hessische übertragene Version einer Schiller-Ballade. Die Abteilung „Politik“ gibt die Juli-Fassung des „Hessischen Landboten“ wieder und im Anhang einen Paralleldruck der früheren und der späteren Fassung. Des weiteren versammelt der Band nützliche Dokumente zur politischen Situation im Hessen der 1830er Jahre, so beispielsweise den Steckbrief, mit dem man den 21-Jährigen Studenten der Medizin gerichtlich suchte. Neben der Probevorlesung „Über Schädelnerven“ bietet die Ausgabe die Straßburger Dissertation „Mémoire sur le système nerveux du barbeau“ mitsamt Übersetzung im Anhang sowie einer Rezension von 1836. Die Manuskripte über „Cartesius“ und „Spinoza“ sind abgedruckt, während die z. T. wortgetreuen Exzerpte von Tennemanns „Geschichte der griechischen Philosophie“ fehlen. Hier gehört es zu Poschmanns Leistungen, die Eigenständigkeit der kritischen Auseinandersetzung Büchners mit den Ursprüngen des rationalistischen Weltbildes, Descartes und Spinoza, aufgezeigt zu haben.

Beide Bände weisen neben der überzeugenden philologischen Arbeit der Textherstellung kenntnisreiche Kommentare zu den Texten auf, die sich Übersichtskommentare und zeilenbezogene Stellenkommentare gliedern. Diese bieten Textvarianzen, Differenzen gegenüber anderen Ausgaben und einzelne Text- und Sachzusammenhänge, jene informieren über die Entstehung und Überlieferung sowie über den historischen und literarhistorischen Hintergrund. Durch den steten Verweis auf andere Werke, aber auch auf die nicht-literarischen Schriften gelingt es Poschmann, die enge Verzahnung und die vielfältigen Bezüge im Werk Büchners deutlich zu machen. Literarische Tätigkeit, Naturwissenschaft, Politik und Philosophie stehen bei Büchner nicht isoliert, sondern sind immer essentiell auf das Ganze bezogen.

Die Texte sind, gemäß der Regelung des Deutschen Klassiker Verlages, der neuen und bereits wieder veralteten Orthografie angeglichen; die Entwürfe (die im Fall des „Woyzeck“ allerdings den gesamten Text betreffen), Quellen und Dokumente verbleiben in ihrer originalen Schreibweise. Die Literaturverzeichnisse, nach Ausgaben, Quellen, Bibliographien und Sekundärliteratur geordnet, sind detailliert; gleichwohl hätte man sich angesichts der rasanten Entwicklung der Büchner-Interpretation seit den letzten zehn bzw. drei Jahren eine Aktualisierung dieses Teils der Taschenbuchausgabe gewünscht. Diese Rasanz ist es auch, die im Leser den Wunsch nach Überblick, nach Zugang zu besserem Verständnis verstärkt hervorruft. Was Poschmanns Büchner-Ausgabe im bestem Sinne „brauchbar“ macht, ist daher nicht zuletzt – bei aller Akribie und Ausführlichkeit – ihr kluger Sinn zur Selbstbeschränkung auf dem weiten, ja unendlichen Feld der Büchner-Forschung. Dass sie nun als Taschenbuch vollständig, seitenidentisch und fast siebenmal preiswerter erhältlich ist, kann nur als Glücksfall für den Büchner-Freund bezeichnet werden.







Georg Büchner: Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente in zwei Bänden.
Band 1:Dichtungen; Band 2: Schriften / Briefe / Dokumente.
Herausgegeben von Henri Poschmann unter Mitarbeit von Rosemarie Poschmann.
Insel Verlag, Frankfurt a. M. 2002.
2310 Seiten, 25,00 €.
ISBN 3-458-06653-5