24.11.13

Variationen über die Liebe - Über Marjana Gaponenkos „Freund“

Die Liebe mit all ihren Schattierungen ist – wieder einmal – Thema. Hier sucht jemand, jemand sucht und jemand wird gesucht: Wer bist du, fragen diese Texte, wer bin ich, dass ich dich meinen Freund nenne? Wer sind wir beide, was ist meine Liebe zu dir ...


Und dieser Liebe zu einem ungenannt bleibenden Freund gelten die Variationen, die die Lyrikerin Marjana Gaponenko in ihrem schmalen Band versammelt. 1981 wurde Marjana Gaponenko in Odessa geboren. Sie hat bereits eine beachtliche Reihe an Beiträgen für Zeitschriften vorzuweisen und ihrer neuen Einzelveröffentlichung gehen die Gedichtbände „Wie tränenlose Ritter“ und „Tanz vor dem Gewitter“ voraus. Doch diesmal handelt es sich nicht um Lyrik, sondern um kleine Prosastücke, Miniaturen, die in den unterschiedlichsten Färbungen schillern – Beobachtungen, Beschreibungen, Gedankenfetzen, Erzählfragmente, Träume. Petits poèmes en prose. Zusammengehalten werden sie von einem unter die Haut gehenden Ton, einer unverkennbarer werdenden Sprache. Marjana Gaponenko verfügt auch hier über eine Stimme, die unversehens in Stimmung umschlägt.



Der, von dem da die Rede ist – kaum scheint das Ich seiner habhaft werden zu können, auch dort nicht, wo es die größten Anstrengungen der Beschwörung, der Anrufung unternimmt: „Das Rauschen des Bluts in seinen Ohren darf niemals aufhören. Niemals.“ Überhaupt gleicht das lyrische Wagnis, das Gaponenko in „Freund“ unternimmt, einer Art Anrufung eines nahen, doch gleichzeitig entfernten Freundes. Das Bekannte wird unter der Hand zum Unbekannten, Unerkennbaren, die Sprache soll es, wie bei einer Gesteinsgrabung, wieder heranholen, was ihr für Augenblicke in erstaunlichen Fügungen zu gelingen scheint: „Feucht und herb ist das Laken wo er lag. Ich wühle darin wie ein melancholischer Archäologe“. Doch dann entfernt sie sich wieder, kehrt zu sich zurück: „Ich bin die kalten gefalteten Hände im Sessel ihm gegenüber.“

Der Ton, der diese Variationen über ein Thema trägt, ist oftmals zuversichtlich, heiter, hin und wieder fast jubelnd wie im Hohelied: „Er gibt Sinn meinem Mund, wenn er mich küßt.“ Überhaupt finden sich der unaufdringlichen Anspielungen einige, vor allem an die Liebeslyrik: Rilke, Bachmann, auch Günter Eich. Aber hinter diesen Spielereien lässt die Sprache ein Stück offen, der Boden scheint brüchiger, die Sicherheit schwindet. Dann hält die Stimme inne und gerät ins Staunen. Manchmal fängt sich dieses brüchige Erstaunen in wundervollen Bildern: „Er weiß nicht, dass seine Stimme im Hörer einem reifen Apfel gleicht, der ins Gras fällt.“

„Alle Begabung für das Schreiben besteht nur in der Wahl der Wörter“, heißt es bei Flaubert – Marjana Gaponenko beweist ihre staunenswerte Begabung einmal mehr. Ihre Wörter umkreisen den Gesuchten, umzingeln ihn, versuchen ihn zu fangen. Am Ende entkommt er doch – dass die Texte das zu ahnen scheinen, macht sie um so faszinierender: „Ich sah mein Tagebuch in sich selbst hoffnungslos blättern.“




Marjana Gaponenko: Freund.
Majak Verlag, Odessa 2002
60Seiten, 10,- €.
ISBN 966-587-059-9