28.01.14

Die Kindsmörderin - Über Michael Kumpfmüllers "Durst"



Dies ist eine Warnung. Um es gleich vorweg zu sagen: Der neue Roman von Michael Kumpfmüller ist eine Zumutung. Der Grund: Die unerhörte Geschichte, die hier erzählt wird.

Eine Frau, Anfang zwanzig, geht für ein paar Tage ihres Lebens außer Haus, nicht weit, doch weit genug. Sie lebt „immer knapp unter der Oberfläche ihrer Erschöpfung“, zieht von Liebhaber zu Liebhaber, von Wohnung zu Wohnung, vom Einkaufszentrum zum Waldsee und will dabei doch nur für einige Zeit aus dem Alltag, der sie so sehr stresst, ausbrechen. Das wäre ja auch in Ordnung, gäbe es da nicht dieses eine Detail, das alles ins Wanken bringt. Die Frau ist Mutter, alleinerziehend, und ihre beiden Söhne, drei und vier Jahre alt, hat sie in einem Tobsuchtsanfall ins Kinderzimmer gesperrt, wo sie nun elendig verrecken müssen.



Das sagt der Erzähler, dieser immer um einen klaren Kopf bemühte Alleswisser, natürlich nicht so. Überhaupt ist es erstaunlich, wie Kumpfmüller seinen Leser an diese Geschichte fesselt. Denn nicht nur was, sondern auch wie hier erzählt wird, ist höchst erregend und abstoßend zugleich. Die Sprache des Romans gleicht einem Protokoll nach Art einer amerikanischen „short story“, sie bleibt kühl, ohne zynisch zu werden, sie ist nüchtern, ohne je anspruchslos zu sein.
Das Schicksal der Kinder bleibt dabei stets im Hintergrund, von wo es sich leise, aber vernehmbar hinter der Geschichte der Frau Gehör verschafft. Nur an einigen Stellen bricht der Schmerz, die Gewissheit hervor. Alles, was wir über die Frau erfahren, ihre verzweifelte Suche nach etwas Anderem, nach Männern, nach Geld, ihr Wille, etwas loszuwerden, es wegzuwerfen, ihr Faible für Kuscheltiere, alles wird unterspült von unserer Ahnung dessen, was da passieren mag nur ein paar Hundert Meter weiter weg in der abgeschlossenen Mietswohnung.

Als Leser bleiben wir zum Zuschauen verurteilt. Wir gehen gezwungenermaßen mit der Frau mit, begleiten sie auf ihrer unbeholfenen Flucht, weil wir nicht von der Strömung weggerissen werden wollen. Die Lektüre dieses Romans entpuppt sich mehr und mehr als eine einzige Übersprungshandlung, wir lesen weiter, weil wir nicht mehr stehen bleiben können, denn das hieße, nachzudenken. Peter Handke hatte 1976 seiner Erzählung „Die linkshändige Frau“, die als fernes, negatives Vorbild für Kumpfmüllers Frauengeschichte gelten kann, ein Zitat aus Goethes „Wahlverwandtschaften“ nachgestellt: „So setzen alle zusammen, jeder auf seine Weise, das tägliche Leben fort, mit und ohne Nachdenken; alles scheint seinen gewöhnlichen Gang zu gehen, wie man auch in ungeheuren Fällen, wo alles auf dem Spiele steht, noch immer so fort lebt, als wenn von nichts die Rede wäre.“ – „Als wenn von nichts die Rede wäre“: so lebt auch die Frau in „Durst“ immer so fort. Dann und wann denkt sie an ihre Kinder, will zu ihnen gehen, nach zwei Tagen, nach acht Tagen, schließlich nach 13 langen und dumpfen Tagen, mit dem guten Vorsatz, den „Bälgern“ zu verzeihen – „als wäre irgendein Leben doch möglich“, wie der Erzähler sagt.
Wir ertappen uns beim Lesen dabei, nach Auswegen in der Geschichte zu forschen, nach Gründen, warum es doch eigentlich nicht sein dürfe, jemand könne doch auf das Geschrei der Kinder aufmerksam geworden sein, oder vielleicht haben sich die beiden schon selbst befreit und sind längst in Sicherheit, während wir, die Leser, noch fürchten müssen, das Schlimmste könnte passieren. Aber das passiert am Ende auch, kein Ausweg, keine Flucht, nirgends.
Mit Fluchten scheint sich Michael Kumpfmüller ja auszukennen. Und tatsächlich ähnelt sein zweites Buch dem Debüt, dem vor drei Jahren gefeierten Roman „Hampels Fluchten“, in vielen Dingen, während es in anderen Dingen von diesem so verschieden ist, dass beides kaum vom selben Verfasser zu sein scheint. Wie Heinrich Hampel damals geht auch in „Durst“ ein Mensch über die Grenze, flieht vor dem, was ihn bindet, vor Verpflichtung und Verantwortung. Und das eben ist das Schreckliche an diesen zweihundert Seiten: dass da jemand behauptet, ganz tief in uns sei es so düster und seien wir so schwach und angstvoll, dass wir nur zu gern alle Verantwortung von uns schieben würden. Und dass da eine Geschichte von jemandem erzählt wird, der auf so fatale und gleichzeitig arglose Weise umsetzt, was in uns schlummert, nämlich den Wunsch, endlich wieder verantwortungslos zu sein, wie ein Kind. Dann ist dieser Mensch auch noch eine Mutter, ein Wesen, auf dessen „natürliches“ Verantwortungsgefühl wir doch angewiesen sind. Michael Kumpfmüller aber lässt vor unseren Augen all diese Sicherheiten in sich zusammenbrechen, nicht gleichgültig, aber grausam.
In all seiner schlichten Grausamkeit ist dieses Buch auf seine Weise großartig, es packt nach dem Leser und lässt ihn so bald nicht wieder los. Sollte man vor guten, vor wertvollen Büchern warnen? Vielleicht muss man es mittlerweile; deshalb noch einmal: Dieses Buch ist eine Zumutung.
Aber, zugegeben: kann man von Literatur mehr verlangen?




Michael Kumpfmüller: Durst. Roman.
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2003.
208 Seiten, 16,90 EUR.
ISBN 3462033166