05.01.14

Nächstes Jahr in Graceland! - Über Tom Segevs Essayband „Elvis in Jerusalem“

Ein Bild sagt oft mehr als viele Worte. Da kniet ein Kamel auf einer sonnenüberfluteten Straße vor einem Wandposter nieder, das keinen geringeren als Elvis Presley in einigen seiner bekannten Posen zeigt. In einer Ecke sind, über ein paar Notenlinien, die Worte „Elvis“ und „Jerusalem“ zu erkennen. Handelt es sich hier um eine Ergebenheitsadresse des traditionellen Last- und Reittieres Südwestasiens an „The King“, die Ikone der amerikanischen Popindustrie, dessen Graceland eine Art US-Version der Klagemauer darstellt? Oder wartet das Kamel einfach nur darauf, das Elvis seine hüftschwingenden Bewegungen unterbricht, aufsteigt und mit ihm in die Einöde der judäischen Berge reitet? Geht es hier um den Sieg der Oberfläche über die Tradition oder doch eher um das friedliche Nebeneinander des Fremden, darum, dass zusammenwächst, was eigentlich nicht zusammengehört? 


Der Interpretation eines solchen Bildes sind keine Grenzen gesetzt. Für das Buch „Elvis in Jerusalem“, dessen Cover es ziert, drückt es den fortschreitenden, hauptsächlich segenreichen Prozess der Amerikanisierung aus, den Israel seit einigen Jahren erlebt. „Dieser Elvis signalisiert einen Sieg; der Bolschewismus der frühen Ben-Gurion-Jahre war passé“, schreibt Tom Segev in diesem Buch. „Die Israelis haben sich für Amerika entschieden.“ Der in Deutschland vor allem durch „Die siebte Millionen“ bekannte Autor der vier kurzen Essays über „die moderne israelische Gesellschaft“ (so der Untertitel) beurteilt die von ihm geschilderte Entwicklung weitgehend positiv. Es geht ihm vor allem um den Einfluss „Amerikas“ auf die Identitätsfindung der Israelis, einen Einfluss, der sich in Shopping-Malls, koscheren und nicht-koscheren McDonalds-Filialen oder in der Verdrängung der Begrüßungsformel „Schalom“ durch das unverfänglichere „Hi“ ausdrückt. Aber Segev wäre nicht der scharfbeobachtende Kolumnist, als der er bekannt ist, würden sich seine Bemerkungen über den israelischen Alltag auf die Lifestyle-Ebene beschränken. „Pragmatismus, Toleranz und Individualismus“ habe die Anlehnung an Israels „politisches, ökonomisches und kulturelles Alter Ego“ USA mit sich gebracht, was sich nicht zuletzt in der Umweltbewegung, dem Minderheitenschutz oder den Frauenrechten bemerkbar mache. Ursachen für den Wandel der israelischen Identität sind für Segev hauptsächlich die ähnlichen Erfahrungen, die beide Nationen im Laufe der Geschichte gemacht haben, von der gewaltsamen Landnahme über die Diskriminierung von Minderheiten bis hin zum Schmelztiegel einer multikulturellen Gesellschaft. Dass aus einer multikulturellen Gesellschaft nach und nach auch eine pluralistische geworden ist, ist nach Segev in erster Linie den USA und ihrem Einfluss zu danken. 

Der Autor übersieht nicht die Nachteile, die die soziale Angleichung vor allem im ökonomischen Bereich mit sich gebracht hat. Doch schildert er die größer werdende Kluft von Arm und Reich oder den Verlust des Solidaritätsgefühls nicht halb so ausführlich wie die positiven Seiten der Amerikanisierung. „Aus diesem amerikanischen Geist“, schreibt er, „erwuchsen die Abkommen von Camp David zwischen Ägypten und Israel, später das Gefühl vieler Menschen, dass die Besetzung des Westjordanlandes und des Gazastreifens lange genug gedauert habe ...“ Dass aber eben dieser amerikanische Geist auch die Trennung von jüdischen und arabischen Israelis unüberbrückbar machen könnte, davon schreibt Segev nur am Rande. Und die Amerikanisierung der Politiklandschaft seit der Wahl Netanjahus scheint für Segev überhaupt keine negativen Aspekte zu tragen. 

Ein großes Kapitel des Buches macht die Auseinandersetzung der israelischen Öffentlichkeit über die eigene Geschichte aus. Segev beschreibt hier ausführlich und kenntnisreich, wie die so genannten „neuen Historiker“ allmählich die Mythen unter die Lupe genommen haben, derer sich die Gründerväter zwecks Identitätsstiftung bedient hatten. So sei es ein ebenfalls dem amerikanischen Einfluss zu verdankender Fortschritt, dass längst nicht mehr alle Kriege von den Israelis als extrinsisch aufgezwungen und unausweichlich angesehen werden. Auch die Akzeptanz der Auswanderung aus Israel wie überhaupt die Legitimation der Diaspora gehöre zu einem solchen Umdenken. Die post-zionistische Phase, in welcher sich die israelische Gesellschaft befindet, mündet demnach in der Frage, wie Israel gleichzeitig jüdisch und demokratisch-liberal verfasst sein könne. Dass die Beantwortung dieser Frage nicht nur für die Fortführung des israelischen Projektes, sondern auch für eine dauerhafte Entspannung der Region lebenswichtig ist, macht der kleine Essayband von Tom Segev auf ebenso bildhafte wie beredte Weise deutlich. 




Tom Segev: Elvis in Jerusalem. Die moderne israelische Gesellschaft.
Aus dem Englischen von Antje C. Naujoks.
Siedler Verlag, Berlin 2003.
168 Seiten, 18,- EUR.
ISBN 3886807665