09.02.14

Kritik zu: Christoph Bauer: Jetzt stillen wir unseren Hunger. Roman.

„Als ich mir heute die Schuhe schnürte und mich für meinen täglichen zweistündigen Spaziergang fertig machte, gab es nicht den geringsten Hinweis darauf, dass ich schon auf halber Strecke eine Begegnung machen würde, von der ich jetzt in der Nacht, da ich diese Notizen mache, denke, dass sie mein gleichförmiges und in seiner Ereignislosigkeit zufriedenes Leben auf die angenehmste Weise erschüttert hat, und diese Erschütterung ist womöglich nur ein zartes erstes Zittern, verglichen mit dem Beben, das ihr, wie ich hoffe, ja mir jetzt in diesem Moment wie nichts wünsche, noch folgen wird.“

Wenn man einen solchen Satz, den ersten in Christoph Bauers Debütroman „Jetzt stillen wir unseren Hunger“, laut liest, dann kann man unter Umständen in freudiges Schmunzeln ausbrechen ob seiner wohlbedachten Zartheit und stillen Gemessenheit. Wenn man ihn noch dazu in einem so genannten „Berlin-Roman“ findet, wo man derartiges stilistisches Niveau nicht vermutet, und sein Verfasser trotz seiner vierundvierzig Jahre zu den „Jungen“ der Gegenwartsliteratur, die sonst sprachlich eher dürftig daherkommen, gezählt werden kann, dann verwandelt sich das Schmunzeln vielleicht sogar zu einem ausgelassenen Lächeln, das man eine ganze Zeit des Lesens lang getrost auf den Lippen behalten darf. Spätestens ab der Mitte des Romans aber vergehen dem Leser das innere Entzücken und der ungetrübte Genuss an der sprachlichen Brillanz, mit der Bauer aufwarten kann. Und am Ende dann ergreift einen unversehens, so man mit Bedacht liest, das leichte, angenehme Gefühl der Schwermut.

„Jetzt stillen wir unseren Hunger“ ist der Titel von zehn Heften, die der Ich-Erzähler Tom Weinreich, eine Art Baudelairescher Flaneur im Berlin des 21. Jahrhunderts, im Verlauf einer einzigen Nacht schreibend füllt, und die nach seinem unaufgeklärten Verschwinden von einem Freund gefunden werden. Weinreich erzählt darin von seinem Müßiggang, den er auf täglichen Spaziergängen am Landwehrkanal entlang pflegt, seinen „Spaziergangsgedanken“, auf die er sich zu konzentrieren vornimmt, und von den kleineren Erlebnissen und Einbildungen eines verdrießlich-munteren Einzelgängers. So nimmt er sich beispielsweise vor, dem Pfarrer, der die Umgebung mit seinen Kirchenglocken akustisch verschmutzt, einen eher groben Brief mit der Anrede „Lieber Herr Schweinepriester“ zu schreiben, oder er räsoniert über das oberflächliche Geplauder einer sich gesellig gebenden Runde Bekannter.

An jenem Tag jedoch, der der arbeitsamen Nacht der Niederschrift vorausgeht, trifft Tom auf Mascha, mit der er sich auf fast unheimliche Weise auf Anhieb versteht und die er nach einem stimmungsvollen Spaziergang zu sich nach Hause einlädt, wo sie auch prompt bleibt und übernachtet. Die Gespräche der Beiden, bei Wein und Käse geführt, drehen sich um Politik, Gesellschaft, Freundschaft, Liebe und immer wieder um Kunst – denn Mascha war, bevor sie an sich den Versuch der „Selbstauslöschung“ erfolglos durchführte, Theaterkritikerin, und Tom, eigentlich Wissenschaftler, dilettiert im Malen abstrakter Bilder und im Schreiben lustiger Geschichten. Beider gegenseitiges Verständnis ist so vollkommen, so unwirklich schön, dass es immer wieder als eine lang ersehnte Flucht zum „Anderen“ erscheint, die sich der Menschenverachter Weinreich imaginiert. Gleichzeitig wird Mascha zu einer weiteren idealisierten Männerphantasie in der Literatur. Toms Satz, der den Untertitel des Romans, „Eine Rekursion“, liefert, verdeutlicht als Quintessenz langwieriger Überlegungen den Charakter des Sich-unablässig-Fortschreibens, Sich-selbst-Erzeugens der Aufzeichnungen: „Bewußtsein ist ein fortwährender sprachlicher, rekursiver und dadurch dialogischer Prozeß der Selbstbeschreibung und also Selbsterzeugung, der in Bewußtsein, und dessen Abbruch in Tod oder Wahnsinn resultiert.“

Um dieses frühromantische Thema von Tod und Wahnsinn durch die Einbildungskraft des Künstlers, durch die progressive Universalpoesie, die den Kontakt zur Wirklichkeit zu verlieren droht, dreht sich Tom Weinreichs teilweise suadahafte, immer wieder an Thomas Bernhard erinnernde Prosa, hier finden seine atemlose, durchaus ergreifenden Auslassungen und Beschimpfungen ihren inneren Schwerpunkt. Konsequenterweise erscheinen die übrigen Figuren eher eindimensional, klischeehaft, wie es sich für Ausgeburten der Phantasie gehört. Ebenso konsequent formelhaft wird vom Autor die Problematik von Dichtung und Wahrheit, von Ich-Verlust und von Selbstbezüglichkeit der Kunst behandelt, während sich das Ganze des Textes vielschichtig schillernd und widersprüchlich zeigt. Christoph Bauer hat mit „Jetzt stillen wir unseren Hunger“ einen Roman geschrieben, der ein zwar klassisch-modernes, aber auch schon reichlich angegrautes Thema geschickt wieder auflegt und in passende Gewänder hüllt. Sein „rekursives“, spazierengehendes Erzählen erzeugt sich dabei nicht nur immer wieder selbst, es hallt zudem für eine lange Zeit im Kopf des Lesers nach.





Christoph Bauer: Jetzt stillen wir unseren Hunger. Roman.
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2001.
288 Seiten
ISBN 3-10-004910-1