27.04.14

Die Unfähigkeit zu genießen (Teil 3)

Eines ist doch seltsam: Wenn die Lust, wie Pfaller meint, ihren Ursprung in der Überschreitung von Grenzen hat, dann müssten die neuen Verhältnisse doch einer neuen Lustkultur günstig sein. Denn sie müssten die Intensität und die Möglichkeiten, im Alltag Lust zu empfinden, bedeutend steigern, indem sie nämlich die Grenzen verstärken, die es zu überschreiten gilt.
In einer Kultur, in der das Unreine unter bestimmen Umständen erlaubt und zum Heiligen erklärt wird, lässt sich die Lust ja längst nicht so intensiv erfahren wie in einer, die die Unreinheit tatsächlich noch streng als solche betrachtet und dies durch Ge- und Verbote noch ernsthafter, deutlicher erscheinen lässt. Der Trick liegt freilich darin, dass es auch in der von Pfaller mit Nostalgie beschworenen Genuss-Gesellschaft Verbote gibt, diese aber unter gewissen Umständen kollektiv als suspendabel erkannt werden, während heutzutage die Verbote mit dem Hautgout der Absolutheit daherkommen, was uns in einen Zustand gesellschaftlichen Tugendfurors katapultiert. Das Individuum müsste, um Pfallers Argumentation zu vervollständigen und auf die Füße zu stellen - Wege finden, diese Grenzen wieder absichtlich und kollektiv zu überschreiten, um aus dieser Überschreitung Lust zu generieren.
Statt das Aufstellen von Verboten zu kritisieren, sollten wir uns darüber als über eine neue Möglichkeit des Lustgewinns freuen.