02.04.14

Esse est percipi - Über die Aufsatzsammlung „Das Phänomen Houellebecq“ von Thomas Steinfeld (Hg.)

Für den Philosophen George Berkeley bestand die Existenz der Einzeldinge in ihrem Wahrgenommenwerden. Alle Dinge sind in erster Linie ,Phänomen‘, das heißt etwas, das sich zeigt und also gesehen wird. Auch der französische Schriftsteller Michel Houellebecq ist ein solches Phänomen. Dies legt zumindest der Titel der von Thomas Steinfeld herausgegebenen Sammlung von Aufsätzen über das Werk des Autors nahe, die jetzt im DuMont Buchverlag erscheint, in dem Verlag also, der 1999 durch die deutsche Ausgabe von „Les Particules élémentaires“ dafür gesorgt hat, daß Houellebecq auch östlich des Rheins zu einem Phänomen in der literarisch-öffentlichen Diskussion geworden ist, und der diese Diskussion in den folgenden Jahren durch die Veröffentlichung von Essayband, Erzählung und drei Gedichtbänden aufrechterhalten hat.

Bevor im Jahr 2002 die deutsche Übersetzung des soeben in Frankreich erschienenen und – natürlich – umstrittenen Romans „Plateforme“ bei DuMont verlegt werden wird, versammelt nun ein renommierter Redakteur der „Süddeutschen Zeitung“ 26 Beiträge der vergangenen zwei Jahre über „die größte literarische Sensation Frankreichs“, wie es überschwänglich auf dem Umschlag heißt. Diese 26 Beiträge, unter denen drei Interviews mit dem Autor zu finden sind, werden eingerahmt von einer kenntnisreichen und überlegten Einleitung Steinfelds und einem Text von ,Houellebecq himself‘, „Cléopâtre 2000“, einer Art protokollartigem Tagebuchauszug über die Erlebnisse in einer Nudistenkolonie. Innerhalb dieser disparaten Klammer legen Kritiker wie Wolfgang Matz und Andreas Isenschmid oder Schriftstellerinnen und Schriftsteller wie Sibylle Berg und Norbert Niemann beredt Zeugnis ab über ihre Lektüreerfahrungen mit den Büchern des „Skandalautors“.


Laut der von Houellebecq in dem Essay „Die schöpferische Absurdität“ zitierten Theorie der Quantenphysik existieren die Phänomene nicht unabhängig von ihrer Messung. Die Erkenntnis Niels Bohrs, nach der es hilfreich ist, zwei komplementäre Blickwinkel auf die Welt einzunehmen, die beide, voneinander getrennt, falsch sind, leitet auch die Messungen beim „Phänomen Houellebecq“. Dementsprechend bemüht sich die Auswahl der Beiträge, die verschiedenen Facetten ihres Untersuchungsgegenstandes von verschiedenen Seiten zu beleuchten. Schließlich handelt es sich bei Houellebecq um einen „Allround-Künstler“, der sich auch als Sänger und Fotograph versucht. So finden sich Interviews und Beschreibungen von Begegnungen mit der Person Houellebecqs neben Rezensionen der Romane, eine Besprechung der „Welt als Supermarkt“ neben einer über die Erzählung „Lanzarote“, vier Aufsätze über die Inszenierungen von „Elementarteilchen“ in Berlin und Dresden neben vier Betrachtungen über die Lyrik, und schließlich zwei Beiträge über den Musiker Houellebecq.

Die Mehrzahl der Beiträge zeichnet sich durch eine ebenso reflektierte wie zurückhaltende Stellungnahme zum Houellebecqschen Werk aus. Dabei fällt auf, daß sich das Gros der Autorinnen und Autoren vor allem in einem einig ist: der Mangel an künstlerischer Qualität in den Texten Houellebecqs beruht nicht auf Unvermögen, sondern ist gewollt und dem provozierenden Gestus der vertretenen Thesen angemessen. Oder, wie Thomas Steinfeld es ausdrückt: „Michel Houellebecq will Kunsterwartungen unterlaufen.“

Überhaupt zeichnen sich die Texte des Bandes eher durch Einmütigkeit als durch kontroverse Anschauungen aus. Man bescheinigt dem Autor, den „Nerv unserer Zeit“ getroffen zu haben. Man bescheinigt ihm, zu provozieren. Das allseits Bekannte wird hier bestätigt. Kaum eine Stelle, die sich ausführlich mit den medialen Inszenierungen des Provokateurs befasst. Kaum ein Text, der sich kritisch mit dem von Houellebecq propagierten Gedankengut auseinandersetzen will, der gar dem Weltbild des „déprimisme“ eine andere Sicht der Dinge entgegenzuhalten versucht. Oder heißt das vielleicht zuviel zu verlangen? Es ist eben doch „bloß“ Literaturkritik.

Bei dem „Phänomen Houellebecq“ verhält es sich so wie bei dem ohne den Buchstaben „e“ auskommenden Roman „La Disparition“ von Georges Perec: Zu wissen, dass es existiert, reicht beinahe aus; es fügt der Erkenntnis nicht unbedingt etwas hinzu, wenn man das Werk selber liest. Und so geht es einem auch nach der Lektüre der verschiedenen Betrachtungen über das Phänomen Houellebecq in diesem Band: Am Ende hat man das Gefühl, nun über das Wichtigste so gut Bescheid zu wissen, über die Auswirkungen der Revolution von ‘68, die Parallelität von ökonomischem und sexuellem Liberalismus, die Abschaffung des Menschen mittels Genforschung und so weiter, dass eine weitere Auseinandersetzung mit dem Werk obsolet erscheint. (Dies ist ja auch die Gefahr eines Thesenromans wie „Elementarteilchen“ – kennt man die Thesen erst, dann wird deren literarische Ausgestaltung abkömmlich.) Da stellt es sich dann doch als klug heraus, den Band mit einem „Primärtext“ enden zu lassen, um wieder zum Eigentlichen hinzuführen. Ob dies bei jedem Leser gelingt, ist nicht zuletzt auch ein Ausweis über die ästhetische Qualität des Houellebecqschen Schreibens.

Über ein Phänomen kann man nur sprechen, wenn es sich zeigt. Eine Provokation ist erst dann eine, wenn sie als solche wahrgenommen wird. Auch das „Phänomen Houellebecq“ kann nur existieren, wenn über es gesprochen wird. Dieses Gespräch aufrechtzuerhalten hat Steinfelds Aufsatzsammlung zumindest beigetragen.


Der Rezensent verdankt grundlegende Gedanken den Abhandlungen Kristian Kißlings und Sascha Preiß‘ (http://www.u-lit.de/artikel/houelle4.html)





Thomas Steinfeld (Hg.): Das Phänomen Houellebecq. 
DuMont Buchverlag, Köln 2001.
270 Seiten
ISBN 3-7707-5623-4