25.05.14

Aus Ernst wurde Heiter - Peter-Paul Zahls Schelmenroman „Der Domraub“ entführt ins Köln der 70er Jahre



„Millionenraub im Kölner Dom“ – so titelte der Kölner Stadt-Anzeiger am 3. November 1975, nachdem bekannt geworden war, dass in der Nacht nach Allerheiligen – ausgerechnet – zwei Männer in Bergsteigerausrüstung in die Schatzkammer des Doms eingebrochen waren und dort Juwelen und Sakralgegenstände im Wert von 10-15 Millionen Mark entwendet hatten. Mithilfe einer Strickleiter waren die beiden über den sechs Meter hohen Bauzaun geklettert und hatten sich an Gerüsten entlanggehangelt, um durch einen Lüftungsschacht in die Domschatzkammer einzudringen. Diese, in der auch die Gebeine der Heiligen Drei Könige in einem goldenen Schrein aufbewahrt wurden, galt für die damalige Zeit als optimal gesichert. Alarmanlagen, verriegelte Türen, ein Wächter im Nebenraum – eigentlich ein zu großes Risiko für Einbrecher. Doch es war den beiden gelungen, die Alarmanlage zu umgehen und unentdeckt mit der in ihre Einzelteile zerlegten Beute zu entkommen.

Den „größten Kirchenraub in Köln seit der französischen Besatzungszeit vor fast 200 Jahren“ hat der auf Jamaika lebende Schriftsteller Peter-Paul Zahl zur Vorlage seines neuen Romans genommen: „Der Domraub“. – „Dejtsche Sprak komische Sprak“, so der Ich-Erzähler Vladimir Heiter, „wie kann man einen Dom rauben? ,Nehmen Sie die Pfoten hoch, Kardinal Frings, äh, Höffner, und keine Bewegung!’“

Heiter, ein Ganove mit Klassenbewusstsein und kunsthistorischen Ambitionen, erzählt in fünf Büchern, deren überladene Kapitelüberschriften an barocke Vorbilder erinnern sollen, von seinem ereignisreichen Leben, das als Partisan im Belgrad der Nachkriegszeit beginnt und vorerst im Gefängnis endet, wo er als vermeintlicher Domschatzräuber seine Erinnerungen niederschreibt. Früh schon lernt er, worauf es im Leben ankommt, und wird nicht müde, es dem Leser mitzuteilen: gute Liebe und gutes Essen. Er beschließt, dem „Gehorsam keine Chance zu geben“ und sich gegen „Die Da Oben“ aufzulehnen, wird wegen Diebstahls von Lebensmittelmarken in einem Gefängnis des titoistischen Jugoslawien gefoltert und wandert nach Deutschland aus. In Köln angekommen, wird er der Hehlerei von „Gegenständen, die der religiösen Verehrung dienen“, überführt und so kommt es schließlich, dass am Tag nach dem Domraub die Polizei bei ihm auftaucht und ihn mitsamt den richtigen Dieben festnimmt. Während die Kölner Unterwelt noch versichert, „kölsche Jongs don sowas nit. Dat müsse Düsseldorfer oder Kanaken sin“, versucht Heiter den Verdacht von sich abzulenken und die Beute der Staatsanwaltschaft wiederzubeschaffen. Diese ist jedoch längst, zur Bestürzung des kunstliebenden Heiter, zerstört und ihres sakralen Wertes beraubt ...

Peter-Paul Zahl, der 1944 in Freiburg/Breisgau geboren wurde, einige Jahre im Rheinland lebte und im Jahr 2011 auf Jamaika starb, greift für seinen Roman tief in den Schatz persönlicher Erfahrungen. In der Strafvollzugsanstalt, in der er in den siebziger Jahren inhaftiert war, hat er vom vermeintlichen Domschatzräuber Ljubomir Ernst, dem Vorbild für Vladimir Heiter, die „wahre Geschichte“ erzählt bekommen und sie mit einer Spur poetischer Verfremdung zu einem politsatirischen Köln-Krimi verwoben. 

Hatte Zahl in seinem zweiten Roman „Die Glücklichen“, für den er 1980 den Literaturförderpreis der Freien Hansestadt Bremen erhielt, noch auf Collageverfahren und wechselnde Erzählperspektiven zurückgegriffen, um den „Traum von der alternativen nachbürgerlichen Existenz“ (Sigrid Löffler) der 68er zu träumen und den Kampf gegen die herrschende Arbeitsmoral mit literarischen Mitteln aufzunehmen, so erzählt er hier in konventionellerer Manier von Leben und Meinung des Vladimir Heiter, „Freiheitstriebtäter“. Dessen in lebendigem Ton und sinnenfrohen Bildern vorgetragene Bekenntnisse schildern auf sympathische Weise die Verwicklungen, in die er während seiner Lebensreise gerät.

Wie schon „Die Glücklichen“ ist auch „Der Domraub“ mit „Ein Schelmenroman“ untertitelt – für all jene nämlich, die bei der Lektüre nicht merken, dass es hier wieder einmal um den ewigen Kampf des Kleinen Mannes gegen „Die Da Oben“ geht. Dabei wäre das gar nicht nötig gewesen, ist dem Autor doch mit seinem Erzähler eine überzeugende Umsetzung der Picaro-Figur in die jüngere deutsche Vergangenheit gelungen. Heiter ist, ohne wie ein Abziehbild zu wirken, mit allen Zügen des wahren Schelms ausgestattet, wie er seit seinen spanischen Anfängen durch die Literaturgeschichte geistert: Als Außenseiter mit krimineller Veranlagung sieht er aus der Froschperspektive auf eine Gesellschaft, zu deren unfreiwilligem Spiegel er wird. Dass die anderen Figuren neben ihm wie Puppen aus dem Hänneschen-Theater wirken, mag man da mit der ich-verliebten Attitüde des ohne Reue zurückblickenden Bekenners begründen. Die wahren Schurken sind im Roman aber nicht die kleinen Berufsverbrecher, sondern diejenigen, die aus eigener Unfähigkeit und Voreingenommenheit den Schelm, einen Ausländer, zum Sündenbock machen.

Die Rolle des Schelms, so leichtfüßig sie Sprachgestus und Gefüge des Romans zu tragen vermag, birgt aber auch gewisse Gefahren. Manchmal hängt der Mantel politisch-gesellschaftlicher Abrechnung etwas zu locker um den spannend geschriebenen plot herum und kommt, wie auch die literarischen Reminiszenzen an Grimmelshausen oder Thomas Mann, eher als Zugeständnis an die Tradition des Schelmenromans daher. Aber so unoriginell Heiters Gesellschaftsanalysen, so unspektakulär sein unziviler Ungehorsam gegenüber den Mächtigen und so undifferenziert seine politischen Ansichten, die sich in pubertären Wortspielereien erschöpfen (aus „Demokratie“ wird „Dämonokratie“, aus „Strafgesetzbuch“ wird „Schafsgekrächzfluch“), auch sind, fügt sich dies alles doch konsequent in die pikareske Naivität des Helden. Gemäß dem Prozess, der aus dem Ernst der Wirklichkeit einen Heiter der Fiktion macht, gestaltet sich in Zahls Roman, anders als in seinen frühen Werken, mögliche Brisanz zu tatsächlicher Irrelevanz. Die notwendige Simplifizierung führt zur Unterminierung jeglichen gesellschaftskritischen Hintersinns. 

Zu selbstverständlich bedient sich Zahl in „Der Domraub“ tradierter Literaturformen, bemüht sich aber nicht, sie infrage zu stellen oder ihre Sichtgrenzen zu erweitern. Das führt dazu, dass der Roman eines Autors, der sein Schreiben einst als Bestandteil politischer Praxis zu betrachten pflegte, sich im heiteren Gewand des Simplicissimus kritisch gibt, ohne ernsthaft kritisch zu sein. 



Peter-Paul Zahl: Der Domraub. Ein Schelmenroman. dtv, München 2002.

339 Seiten, € 15,-

ISBN 3-423-24299-X