03.05.14

Der Roman als Ratgeber - Alain de Bottons Romane "Romantische Bewegung" und "Isabel"


Der Stendhal der Neunziger ist Alain de Botton genannt worden und in diesem Vergleich mit dem Meister des psychologischen Romans, dem Autor des gesellschaftsanalytischen „Rot und Schwarz“ oder des unorthodoxen Essays „Über die Liebe“, steckt viel Wahres. De Botton, dessen erste Romane „Romantische Bewegung“ und „Isabel“ nun wieder als Taschenbuch vorliegen, ist ein gewiefter Psychologe und Kenner seiner Materie (und das mit nicht einmal 25 Jahren), ein einfühlsamer und stilsicherer Erzähler, der sich von der Grenze zum Lifestylekitsch nicht immer fernhalten kann oder will, und ein kluger Philosoph, der sich aus dem Steinbruch der Geistesgeschichte das nimmt, was er für seine Geschichte brauchen kann.

Und das ist nicht eben wenig. Darin, in diesem postmodernen Eklektizismus, liegt auch die originelle Leistung des in London lebenden Schweizers, das zeigt die Lektüre der „frühen“ Romane nicht anders als die der „Handbücher“ über Proust, den Trost der Philosophie und, zuletzt, das Reisen. Sich einen Satz von Montaigne oder Sokrates anzueignen und so umzuwandeln, dass er die Beziehungen zwischen den beiden Geschlechtern (um nichts anderes geht es in diesen Büchern) gleichzeitig erhellt und verwirrt, zeugt von einer gesunden Mischung aus Respekt vor dem Weltgeist und unbescheidener Dreistigkeit. Aber auch Profanes ist dem Erzähler nicht heilig. Der Erzähler vergleicht die Seelen der Liebenden und ihre Beziehung untereinander mit einer Wetterkarte, einem Wäschetrockner oder einer Weltraumrakete.

Das alles ist meistenteils witzig bis zur Belanglosigkeit, manchmal läppisch und manchmal begnadet. Als sich die Titelheldin von „Isabel“ beispielsweise damit beschäftigt, Kontaktanzeigen zu entwerfen, fragt sich ihr Biograph, der Erzähler, wie wohl Marcel Proust eine solche ausgefüllt hätte: „Schwuler Schriftsteller, Raum Paris, enges Verhältnis zur Mutter, asthmatisch, scharf auf geselligen Umgang, Vermeer, lange Sätze, Anatole France, Chauffeure, Männer, wenn sie Frauennamen haben, Venedig. Probleme mit Reisen, sich kurz zu fassen, ohne Kuß schlafenzugehen. Arbeitet an einem großen Projekt. Erbitte Photo.“

Ein ganz besonderes (selbstironisches) Faible haben die Erzähler in de Bottons Romanen für eine Art Populärpsychologie, wie sie (unironischen) Ratgebern im Stile von „Sorge dich nicht, lebe“ eigen ist. Alles, aber auch das kleinste Detail im Dickicht des Beziehungslebens muss erklärt, gedeutet und analysiert werden. Das tut dem Erzählfluss, wie man sich vorstellen kann, nicht immer gut. Eric, der selbstgenügsame Liebesrealist mit seiner selbstzweiflerischen Freundin Alice in „Romantische Bewegung“ äußert sich gerne spottsüchtig über mitleiderregende Menschen. Schließlich heißt es von ihm: „Sein Sarkasmus verriet, daß er peinlich berührt war von der furchtbaren Gebrechlichkeit, die sie [die mitleiderregenden Menschen] verkörperten.“

Das ist schön gesagt, wie vieles andere bei dem Stilisten de Botton, aber wir hätten es doch gerne selbst herausgefunden. Wenn dem Leser auf derart penetrante Weise die Gelegenheit genommen wird, sich selber Gedanken über das Geschehen zu machen, kann das schon mal zu Ermüdungserscheinungen führen. Umso mehr, wenn man dann auf Phrasen stößt wie: „Das Muster unserer Verhaltensweisen gegenüber anderen Menschen wird großteils von unserer unbewußten Kenntnis ihrer wahrscheinlichen Reaktionen auf uns bestimmt.“ De Botton, so der Eindruck, hätte am liebsten Romane geschrieben, die nur aus Aphorismen bestehen. Da gelingen ihm auch mal ebenso schlichte wie schöne Bonmots: „Der Zustand der Liebe symbolisiert auf meisterhafte Weise, was es heißt, Menschen falsch zu verstehen.“

Obwohl oder weil Alain de Botton so genau auf seine Figuren und ihr Innenleben einzugehen versteht, bleiben sie leblos; sein Erzählen wirkt abstrakt, wirkt wie die (freilich phantasievolle) Übertragung eines Lebenshilferatgebers für Pubertierende in fiktive Prosa. Insofern scheint die de Bottons Entwicklung vom Roman- zum Ratgeberautor durchaus konsequent zu sein. Den Geruch nach Abstraktheit können auch nicht die zahlreichen Bilder, Zeichnungen, Diagramme und Karten hinwegwehen, die oft findig, öfter aber albern daherkommen.

Findig und einfallsreich sind die Romane Alain de Bottons in ihrer Komposition, ihrem Inhalt und ihrem Stil allemal. Manchmal wünscht man sich aber doch etwas weniger Besserwisserei und Buchgelehrsamkeit, dafür mehr Zurückhaltung – es ist halt nicht immer schön, alles vorgekaut serviert zu bekommen. Das Leben und die Liebe so genau auszuleuchten, bis man beide nicht mehr sieht, hat wohl auch seine Kehrseiten, vor allem dann, wenn es auf Kosten des Erzählens geht. Oder, um sich den Verlagstext in de Botton’scher Manier anzueignen: Alain de Bottons Romane zeigen, „wie schwierig die Balance zwischen dem Zuwenig und dem Zuviel an Interesse zu finden ist – denn beides nervt gründlich.“





Alain de Botton: Romantische Bewegung. Sex, Shopping, Liebesroman. Aus dem Englischen von Helmut Frielinghaus. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 2002.

343 Seiten, 9,90 €.

ISBN 3-596-13780-2



Alain de Botton: Isabel. Aus dem Englischen von Heide Steiner.

Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 2002.

284 Seiten, 9,90 €.

ISBN 3-596-15462-6