12.05.14

Probleme der zweiten Generation - Marcel Mörings Roman "Mendel"

Es war ein kurzer Roman, mit dem der holländische Erzähler Marcel Möring 1990 debütierte, aber ein gewichtiger. In Deutschland Erfolg hatte die Novelle „Modellfliegen“; Mörings Ruf als bedeutender holländischer Erzähler hatte vorher bereits das voluminöse Epos einer jüdischen Familie „In Babylon“ begründet. Der Roman „Mendel“, das Erstlingswerk, das der Autor 1991 mit dem Geertjan-Lubberhuizen-Preis ausgezeichnet wurde, liegt seit 2003 erstmals in deutscher Übersetzung im Luchterhand Verlag vor.
Seine Titelfigur, der holländische Jude Mendel Adenauer, steht kurz vor dem Abitur, aber ihn quälen andere Sorgen. Diese Sorgen sind weniger handfest, aber tiefer gegründet in dem, was ,Person’ zu nennen man bei dem jungen Mann zögert. Seine Familie wurde vor dem Überfall der Nazis nach Osteuropa deportiert, nach dem Holocaust kehrte die Großmutter mit Mendels Mutter in die niederländische Kleinstadt zurück, wo Mendel schließlich 1957 geboren wurde. Er ist „Jude der zweiten Generation“ und das erklärt seine Probleme bestens und restlos, wie zumindest der Psychiater der Heilanstalt meint, in die Mendel eingeliefert wird: „Es gibt eine Menge junger Leute, die durch die Dinge, die sie hören und lesen, bitter geworden sind, die sich schuldig fühlen, weil sie nicht einen Bruchteil dessen leiden, was ihre Eltern erlitten haben.“ 


Und tatsächlich scheint das Leid Mendels großes Bezugssystem zu sein, das Leid, das Menschen erfahren haben und noch immer erfahren. Das Leid einer sinnentleerten, öden Welt, in der Gott nur noch eine possenhafte Halluzination ist, die auf einem umgedrehten Zinkeimer sitzt und sich mit ihrem auf der Spüler sitzenden heiligen Geist unterhält. Das Leid muss für Mendel herhalten als das, was die Welt im Innersten zusammenhält. Gleichzeitig leidet er selber darunter, nicht leiden zu dürfen wie seine Eltern oder jene „Sechs Millionen“, und bastelt sich daraus eine Art Büchnersche Mitleidsethik: Jeder Mensch hat die Pflicht, unter jedem Unrecht, so unbedeutend es auch sein mag, zu leiden“, verlangt er. „Man muss allen Schmerz der Welt spüren, alle Armut, alles Leid, alles Unglück. Nur so wird die Welt besser.“ Faustischer Erkenntniswille treibt den jungen Mann schließlich in das lichte Dunkel seiner Halluzinationen, seiner Erinnerungen und Träume. Den Bezug zur realen Welt verliert er mehr und mehr, wenn er ihn denn je besessen hat. Einzige Rettungsmöglichkeit ist Anna, die Tochter eines reichen Adligen, die ebenso wie Mendel eine Außenseiterin ist, nur aus anderen Gründen. Die Art und Weise, wie Möring diese außergewöhnliche Liebesbeziehung schildert, gehört zu den Meisterleistungen des kurzen Romans. Überhaupt verfügt der Autor über ein (von Helga van Beuningen gewohnt virtuos übersetztes) bewundernswertes Formgefühl und eine Sprache, die den Leser von der ersten Seite gefangen nimmt und auch über fast jede Unwägbarkeit des klischeebesetzten Themas elegant hinweg gleitet.
Man mag die Figur des Mendel Adenauer, die sich bis an den Abgrund vorwagt, für überzogen, an manchen Stellen für unglaubwürdig halten. Es mag einem ihre pathetische Rhetorik hier und da zu knapp motiviert vorkommen. Aber sie ist niemals falsch, ist nirgends nur entseeltes Gedankenprodukt. Sie lebt und atmet in dieser mächtigen Sprache, mit der uns der Autor hier überfährt, da umgarnt, sie ist mit Leben angereichert, mit Leben, das aus dem Leben fliehen will. Der Roman heißt im Original „Mendel’s erfenis“, Mendels Erbschaft, was das Rückwärtsgewandte, Vergangenheitsbezogene im hadernden Charakter des Protagonisten ausdrückt. Mendel hadert mit seiner Herkunft, er hadert mit seinem Jude-Sein. „Die Zeit ist vorbei, als das zählte“, sagt sein Freund Wessel, der ihn verlässt. „Diese Zeit ist nie vorbei“, antwortete Mendel. Er leidet unter einem Judentum, das sich nur noch über die Opfer der Schoa definiert, aber er leidet auch unter den Christen, unter den Menschen, die ihn umgeben und gleichzeitig ausschließen. Für ihn scheint es mit dieser Vorgeschichte keine lebbare Zukunft mehr geben zu können.
Das Psychogramm, das Marcel Möring zeichnet, ist die schmerzhafte Konfession eines angry young man, der alle Energien dafür aufbraucht, um nicht in Einklang mit der Welt zu sein. Mendel muss bekennen, das Leben nicht gelebt zu haben, in seinen Träumen zu wohnen und die Erinnerung der Gegenwart vorzuziehen. In seinen Klagen könnte er eine Art ins Dunkle gewendeter Sohn von Philip Roths Portnoy sein, freilich ohne dessen zwanghaften Willen zum Exhibitionismus. Und so wenig sich Portnoy letztlich auf seine Meuterei gegen das jüdisch-kleinbürgerliche Elternhaus reduzieren lässt, so wenig ist Mendel wirklich ausschließlich der psychiatrische Fall „Jude der zweiten Generation“. Was er mehr ist, das zu entscheiden überlässt Möring uns.
Am Ende des Romans setzt ein Gewitter ein, das nicht mehr aufzuhören scheint. Mendel steht im Wald unter einem löchrigen Schilfdach wie bei einem einsamen Laubhüttenfest und lässt das Wasser auf sich niederfallen. „Er fragt sich, ob er noch nasser werden kann.“ Das „andere Leben“ ergreift schließlich immer mehr Besitz von ihm und auch der Leser weiß bald nicht mehr, was wirklich ist und was nicht. Glücklicherweise lässt der Autor beide, seinen Protagonisten und seinen Leser, fragend im Regen stehen.



Marcel Möring: Mendel. Roman.
Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen.
Luchterhand Literaturverlag, München 2003.
222 Seiten, 19,00 €

ISBN 3-630-87140-2