13.06.14

Das Paradox der Freiheit

Wer die Freiheit gewinnen will, muss die Freiheit aufgeben

In dem Film 300 - Rise of an Empire gibt es eine Szene, die das Paradox des modernen Verhältnisses zur Freiheit veranschaulicht. Im Krieg gegen den Terror finsterer Turbanträger versammelt Themistokles seine griechischen Heldenkrieger um sich, um sie auf die bevorstehende Schlacht einzustimmen. Die Grundstimmung seiner Rede ist die eines nachdenklichen In-sich-Gehens - ein retardierendes Moment vor der letzten halben Stunde hemmungsloser Blutrauschästhetik.
Themistokles, seelisch angeschlagen durch die vergangene Niederlage, stellt es seinen Mannen frei, weiterhin an seiner Seite zu kämpfen: "Ihr seid freie Männer." Aber es geht ja nicht etwa um niedere materielle Ziele. Freiheit ist es immerhin, was sie - neben der obligatorischen Demokratie - gegen die Barbaren aus dem Osten, gegen das "Ungeheuer, dessen Schatten sich auf unser Land legt", verteidigen wollen. Welche Freiheit Themistokles genau meint, muss nicht näher ausgeführt werden, dieser Begriff ist an sich schon genug Pawlow'sche Klingel, um den Speichelfluss des auf westliche Werte konditionierten Konsumenten und Verbrauchers anzuregen. Diese Freiheit scheint nur auf als Gegenbild zu den unguten Vorstellungen, die wir vage und schemenhaft von den Sitten und Gebräuchen der düsteren Perser serviert bekommen: Die können ihr Leben nicht selbst bestimmen, weil ihr Herrscher ein Diktator ist. Sie dürfen nicht mal wählen gehen! Und ihre Persönlichkeitsentfaltung unterliegt bestimmt großen staatlichen Repressionen, genau so wie ihr Recht zur freien Meinungsäußerung!
Wie zu erwarten war, reagieren die Soldaten des Themistokles mit braver Einmütigkeit. Niemand denkt auch nur im Entferntesten daran, sich dem Kampf um Freiheit und Demokratie zu verweigern. Trotz drohender Todesgefahr kommt es niemandem in den Sinn, nicht im Sinne von Gruppe, Gemeinschaft und Staat zu handeln. "Unsere Wahl ist ein aufrechter Tod." Die Griechen, schon äußerlich nicht voneinander zu unterscheiden, reagieren auf das Angebot ihres Heerführers, der Schlacht fernzubleiben, in beeindruckender Konformität: gleichgeordnet, gleichgerichtet, gleichgesinnt.
Es mutet paradox an, dass es dem modernen Bürger nicht freigestellt ist, für seine Freiheit und die seiner Mitbürger zu kämpfen. Wer frei sein will, muss in Übereinstimmung mit der Gruppe denken und handeln, die seine Freiheit garantiert.
Um die Freiheit zu verteidigen, müssen wir unsere Freiheit freiwillig einschränken. Wer nicht mitmacht - also seine Freiheitsrechte nicht nur theoretisch einfordert, sondern sie aktiv ausübt - ist ein Feind der Freiheit.


Massenindividualismus

Für den modernen westlichen Menschen besteht seine Freiheit in erster Linie darin, zu kaufen und zu konsumieren, was er will. Dass wir keine größere politische Freiheit mehr besitzen, die des Begriffs Demokratie würdig wäre, als die Möglichkeit, alle vier Jahre ein Kreuz zu machen und Petitionen einzureichen, dass die wirklichen Entscheidungen weder im Sinne noch im Namen der Mehrheit gemacht werden, sondern intransparenten und korruptionsverdächtigen Entscheidungsprozessen, damit hat sich er der Mensch der westlichen Demokratien weitgehend abgefunden - solange er nur frei und individuell konsumieren kann, wird es schon in Ordnung sein, was "die da oben" so treiben. Es war ja eh nie anders. Und eine Alternative gibt es ja eh nicht, das hat die Vergangenheit bewiesen. Die Schrecken des "real existierenden Sozialismus" sind in der Nachbetrachtung in erster Linie die von ökonomischer Austerität - von oben verordnete Entbehrung und Einschränkung, die dazu führe, dass Kreativität und Innovationskraft nicht aufblühen können.

Es ist schon seltsam. Im Westen leben wir in den freiheitlichsten Zeiten seit Menschengedenken, tragen unsere Einzigartigkeit vor uns her wie eine Monstranz, beten die Werte des Individualismus und des freien Wettbewerbs an wie Götzen und gleichen einander in den wirklich wichtigen Punkten doch wie ein Ei dem anderen. Die Unterschiede betonen wir, niemand möchte als Kopie eines anderen gelten. 
Aber für die Gemeinsamkeiten unseres Alltags und Handelns sind wir fast blind: 
Man geht zur Schule, geht arbeiten, verdient Geld, zahlt Steuern, konsumiert, kauft in Supermärkten und Kaufhäusern, wohnt in einem Haus, hat ein Wochenende und Ferien und bezieht eine Rente im Alter. Die Frage, warum man das so macht, kommt einem nicht in den Sinn, weil sie sinnlos erscheint: Was soll man denn sonst tun?
War das Wort "Aussteiger" in früheren Zeiten einmal ein Schimpfwort, dann eine Bezeichnung für heimlich beneidete Lebensform, so existiert es heute kaum noch. Das Ziel sich der Gesellschaft anzupassen, ein funktionierendes Mitglied zu werden, scheint vor allem bei der Masse der Jugendlichen, traditionell Träger von Protest und Rebellion gegen Überkommenes, sakrosankt geworden zu sein. 
Höchste Anpassung bei höchster Freiheit also. Eine Masse von Individuen - das Brian-Paradox: "Wir sind alle Individuen", ruft die Menge einstimmig, und wer widerspricht, widerspricht sich selbst.


Der Nutzen des Individualismus

"Der moderne Mensch leidet an einer geschwächten Persönlichkeit", heißt es in Nietzsches Schrift Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben. Er kritisiert die Instinktlosigkeit des Menschen, der sich selber nicht mehr vertrauen kann. So bleibt ihm als einziges Instrument, mit dem Leben zurecht zu kommen, nur das kümmerliche analytische Denken, auf das er sich auch verlassen muss, wenn das Leben ganz andere Vorgehensweisen fordert. Der Mensch von heute kann "nun nicht mehr, dem ,göttlichen Tiere' vertrauend, die Zügel hängen lassen, wenn sein Verstand schwankt und sein Weg durch Wüsten führt."
Aber  wie kann ein Mensch das aushalten? Wie kann ein Mensch überhaupt so ein Leben ohne Selbstbestimmung und Eigenständigkeit führen, ohne völlig verrückt zu werden und an sich selbst zu verzweifeln? Die Lösung könnte doch in der Illusion der Persönlichkeit liegen und all der Werte, die mit ihr zusammenhängen: eigenständiges Denken, kritische Reflexionsfähigkeit, Ausbildung der Intuition, Vertrauen auf die eigenen Fähigkeiten, Authentizität, Entwicklung und freie Entfaltung von Kreativität und Eigensinn. Diese Vorstellungen von einer echten ganzheitlichen Persönlichkeit und den Weg dahin könnte man in dem Begriff zusammenfassen, der seit Jahrhunderten die Diskussion um den Sinn von Kultur und Erziehung prägt: Bildung.
Nietzsche beklagt dieses Paradox:
Während noch nie so volltönend von der "freien Persönlichkeit" geredet worden ist, sieht man nicht einmal Persönlichkeiten, geschweige denn freie, sondern lauter ängstlich verhüllte Universal-Menschen.

Die Gefahr des Eigensinns

Warum aber ist das so? Warum gibt es so wenig freie Persönlichkeiten, wenn doch unser Schul- und Bildungssystem, unsere kulturellen Institutionen und überhaupt der ganze Anspruch, der mit den Begriffen Freiheit und Demokratie verbunden ist, die Erreichung und Erhaltung von wahrer Bildung seit Jahrhunderten auf Spruchbändern vor sich herträgt?
Sind das alles nur hohle Phrasen? Ist es eine nützliche Illusion, die dem Konsumenten und Verbraucher eingeimpft wurde, damit er sich nicht ganz so sinnlos fühlt in seinem Massendasein? Damit er sich individuell fühlen kann, ohne es wahrhaft zu sein? 
Liegt denn in wahrem Eigensinn eine solche Gefahr für die Gesellschaft? Der kanadische Ökonom John Kenneth Galbraith schreibt dazu:

Es handelt sich in jeder Hinsicht um ein bemerkenswert subtiles Regulativ im Aufbau der Gesellschaft. Es wirkt nicht auf das Individuum, sondern auf die Masse. Jedes Individuum kann aussteigen und entgegen seinem Einfluss handeln. Daher kann niemand behaupten, dass irgendein Individuum zum Kauf irgendeines Produktes gezwungen wird. Jedem, der widerspricht, kann man doch ganz einfach entgegnen: Niemand zwingt dich! Dennoch besteht kaum die Gefahr, dass jemals genug Menschen auf ihre Individualität bestehen und dadurch die Steuerung des Verhaltens der Masse beeinträchtigen.

Eine Mechanik, die in der anfangs angeführten Szene aus 300 treffend bebildert wird. dürfen, ist genau der Trick, der sie da hält, wo sie sein dürfen. Dass sie theoretisch frei sind, hält sie zusammen und bindet sie. Massen, die sich nicht individuell fühlen dürfen, fangen früher oder später an zu rebellieren. Sie wollen auch bunte Kleidung tragen wie die Bürger westlicher Demokratien. Sie wollen auch Bananen essen und Rockmusik hören. Andererseits ist eine Gesellschaft von eigensinnigen Individuen eine contradictio in adiecto. Eine Unmöglichkeit ... wie soll eine Gesellschaft bestehen bleiben und höheren Zwecken dienen, wenn sie ihre Mitglieder gar nicht darum kümmern, was die anderen sagen und tun?
Dass die Soldaten gehen
Eine Gesellschaft aber, deren Mitglieder im Geiste Untertanen bleiben, dabei aber durch uneingeschränkten Konsum, uneingeschränkte Presse und uneingeschränkte Meinungsäußerung das Gefühl von Freiheit, Demokratie und Individualität haben können, zudem noch das Feindbild des armen unfreien Barbaren (wahlweise Russen, Araber, Iraner, Ostdeutschen, Chinesen ...) zum Zwecke gemeinschaftsbildenden Gruselns als Fetisch pflegen, hat beste Aussichten auf lange Zeit zu bestehen.

Scheint es doch fast, als wäre es die Aufgabe, die Geschichte zu bewachen, dass nichts aus ihr heraus komme als eben Geschichten, aber ja kein Geschehen!, zu verhüten, dass durch sie die Persönlichkeiten ,frei' werden, soll heissen wahrhaftig gegen sich, wahrhaftig gegen andere, und zwar in Wort und Tat.
Friedrich Nietzsche