27.07.14

Die Unruhe des Buches - Rezension zu Fernando Pessoa: "Das Buch der Unruhe"

Ein Klassiker der Moderne kann dank der Verdienste des Ammann Verlages in erweitertem Umfang und in neuer Übersetzung wieder besichtigt werden.


„Die Vernunft ist der Glaube an etwas, das man ohne Glauben verstehen kann; doch bleibt es noch immer ein Glaube, denn verstehen setzt voraus, daß es etwas Verstehbares gibt.“ - Seine Prosa sei eine ständige Träumerei, behauptet Fernando Pessoa in einem Brief über sein Alter Ego Bernardo Soares und dessen „Buch der Unruhe“, nicht zuletzt aus dem Grund, aus dem auch das Halbheteronym Soares immer dann erscheine, wenn Pessoa müde sei und seine Hemmungen nachließen. – Das Lesen, ein Traum, möchte man denken und so der Sache näher kommen, sie verstehen wollen, aber da zieht sich der „ironische Träumer“ schon wieder von uns zurück: „Ich habe es stets abgelehnt, verstanden zu werden. Verstanden werden heißt sich prostituieren. Ich ziehe es vor, als derjenige, der ich nicht bin, ernst genommen, und als Mensch mit Anstand und Natürlichkeit verkannt zu werden ...“
Passenderweise hat die Unzahl an Zetteln, aus denen das „Buch der Unruhe“, dieser Gründungstext der modernen Literatur Portugals, besteht, eine äußerst unruhige Veröffentlichungsgeschichte hinter sich. Zwanzig Jahre lang hatte Pessoa an diesen Fragmenten geschrieben und sie in einer Holzkiste aufbewahrt, wo sie erst nach dem Tod des Autors im Jahre 1935 entdeckt wurden. Und erst weitere 47 Jahre mühsamer Entzifferungsarbeit später erschienen die tagebuchartigen Aufzeichnungen des Bernardo Soares, Hilfsbuchhalter in der Baixa von Lissabon, erstmals in gedruckter Form ebenda. Von dort aus wiederum traten sie ihren Siegeszug in die anderen europäischen Sprachen an, wo sie lange Zeit aus Mangel an endgültigen Anweisungen des Dichters in den verschiedensten Aggregatzuständen vorlagen.


Noch immer hat man mit dem Transkribieren der schier unerschöpflichen „Schatztruhe“ nicht abgeschlossen; gleichwohl liegt seit 1998 eine von Richard Zenith besorgte „definitive“ Neuausgabe auf Portugiesisch vor, die der babylonischen Editionsverwirrung ein Ende bereiten soll. Diese Ausgabe hat der Ammann Verlag und seine Übersetzerin Inés Koebel der revidierten deutschen Fassung zugrunde gelegt, und allein dadurch wächst das handliche, von Georg Rudolf Lind 1985 gestrafft ausgewählte und übersetzte „Büchlein der Unruhe“ zu einer wahren Bibel an: einer Bibel des taedium vitae freilich, der saudade, der melancolia portuguesa, die doch Jahr für Jahr aufs Neue der Beweggrund des deutschen Portugal-Urlaubers ist.
Um die Hälfte dicker ist nun die neue „Autobiographie ohne Ereignisse“ geworden, vor allem dank einiger Textfragmente und Briefe aus dem Umfeld des „Buches der Unruhe“, aber auch einer Vielzahl bisher unbekannter Eintragungen. Das führt hier und da zu Redundanzen, die Lind vermeiden wollte, die letztendlich aber dem obsessiven Charakter des Originals entsprechen. Zudem hebt sich Koebels genauere Übersetzung vor allen in einigen Finessen von der leicht angestaubten Version Linds ab.
Kann man von diesem Buch und von dieser schönen Ausgabe etwas anderes als begeistert sein? Doch dann schlägt man wieder nach und liest schockiert: „Begeisterung ist geschmacklos. Begeisterung zu äußern heißt vor allem, unser Recht auf Unaufrichtigkeit zu verletzen.“ Aber ganz aufrichtig: allein die beiden Lesebändchen in den Nationalfarben Portugals – großartig.




Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares.
Hg. von Richard Zenith. Übersetzt und revidiert von Inés Koebel.
Ammann, Zürich 2003.
574 Seiten, 12,95 EUR.

ISBN 3250104507

(©2003)