31.08.14

Kunst oder Leben 2 - Carlos Somozas "Clara"



Alle Jahre wieder wird die Kunstszene durch einen neuen Fall von Kunstschändung erschüttert. Oft sind es Einzeltäter, die sich in einem unbeobachteten Moment im Museum an einem möglichst wertvollen Kunstwerk vergreifen und es ihres künstlerischen und finanziellen Wertes berauben. Oft werden sie nach der Tat festgenommen, manchmal in psychiatrische Anstalten eingewiesen. Der von Kunstschändern oder -zerstörern angerichtete Schaden geht ins Unermessliche. Aber er bleibt immerhin, so viel ist wenigstens sicher, materieller Natur.
Im neuen Roman von José Carlos Somoza ist es auch das anders. Das Jahr 2006, in dem "Clara" spielt, wird uns - nach Somoza - neben futuristischen Spielereien auch eine Kunstrichtung bringen, die in Fortsetzung von Happening und Action-Painting menschliches "Material" als Leinwände verwendet und bemalt. Der berühmteste Vertreter des "Hyperdramatismus" beispielsweise, Hugo van Tysch, lässt seine "Leinwände" monatelang von Mitarbeitern vorbereiten ("imprägnieren"), bemalt sie dann und installiert sie in Museen, die schließlich - dem skandalträchtigen Gestus dieser Kunst sei dank - den denkbar größten Besucherandrang haben. Es gibt, wie uns der Autor auf erfinderische und ins Detail gehende Weise glaubhaft macht, einen ganzen Markt für menschliche Leinwände; es gibt Dekorationen aus Humanmaterial, menschliche Stühle, Aschenbecher und vieles mehr.
In einer solchen Kunst-Welt, in der die doppelte Einsicht vom Menschen als Kunst und von der Kunst als Ware auf die Spitze getrieben wird, ist es natürlich nicht mehr ein rein materieller Schaden, den ein Kunstschänder anrichten kann. Und dies ist das Dilemma, in dem die handelnden Figuren stecken: die Ware Kunst und der Wert Mensch sind die Pole, zwischen denen der Roman sich bewegt.



Die Spanierin Clara Reyes erhält das Angebot ihres Lebens, als sie für van Tysch in seiner Rembrandt-Installation die "Susanna im Bade" darstellen soll. Gleichzeitig aber wird ihre Kollegin, die für denselben Künstler als "Entjungferung" arbeitete, ermordet - aus Sicht der Kunstfanatiker bedeutet dies eine Leinwand wird zerstört und mit ihr das kulturell und nicht zuletzt finanziell wertvolle Objekt "Entjungferung". Aus diesem Grund kümmert sich nicht nur die Polizei um den Fall, sondern auch Versicherungen und Kunststiftungen, die weiteren materiellen Schaden verhindern wollen. Bei einer solchen Stiftung arbeitet Kommissar Lothar Bosch, ein Ex-Polizist, der sich noch nicht an die Gepflogenheiten moderner Kunst und moderner Künstler gewöhnen kann und will. Für ihn ist die Zerstörung einer Leinwand immer noch in erster Linie die Zerstörung menschlichen Lebens. Mit fortschreitenden Ermittlungen wird langsam deutlich, dass auch Clara Reyes bald mit dem Kunstschänder, den Bosch verfolgt, zu tun haben wird.
José Carlos Somoza, ein in Havanna geborener Spanier, der vor den ersten Erfolgen seiner Bücher als Psychiater gearbeitet hat, erzählt diese zum Teil haarsträubende Geschichte "um Macht und Obsessionen, Sex und Medien" mit einer Mischung aus kriminalistischem Können, science-fiction-artiger Verve und kunstsoziologischer Reflexion. Seinem Schreiben ist gewissermaßen eine doppelte Optik eingebaut, mit der er zum einen spannend die Entwicklung des Falls vor den Augen des Lesers ablaufen lässt und zum anderen immer wieder philosophische Überlegungen anstellt, die zwar viel mit dem bisweilen episch anmutenden Plot, wenig aber mit dem Roman als solchem zu tun haben. Der Autor ist dabei so geschickt, seine zahlreichen Bonmots, seine Betrachtungen über das Kunstwerk im Zeitalter seiner humanen Reproduzierbarkeit den Figuren in den Mund zu legen. "Dahin führt die Kunst heute", heißt es da in postmoderner Manier, "zum Tod des Künstlers", oder, als medientheoretischer Aphorismus: "Es war sicher leichter, die Sixtinische Kapelle zu erschaffen als einen Michelangelo."
Das dient gleichzeitig der Charakterisierung der (zu vielen) Figuren, die immer wieder zwischen der inhumanen Begeisterung für die Macht der Kunst und dem Mitfühlen für die Menschen hinter den Werken schwanken sowie der Fortführung der Handlung. Erfreulicherweise bleibt dieser kritische Impetus unter der Oberfläche, wo er umso schätzenswerter wirkt. Auch die geschickte Motivierung, die Komposition oder beispielweise die Namengebung gehören zu der Seite der Optik, die durch Unaufdringlichkeit besticht.
Sicher, Somoza ist nicht Umberto Eco, aber wer philosophisch angehauchte Krimis mag, ist mit "Clara" gut bedient. Zumal das neue Werk nicht so etüdenhaft postmodern daherkommt wie der Vorgänger "Das Rätsel des Philosophen". Etwas Zeit sollte der Leser jedoch haben; die 600 Seiten lesen sich nicht durchweg flüssig und der Erzähler geht hier einige Umwege zuviel. Ein Krimi ist halt doch kein Epos.




José Carlos Samoza: Clara.
Übersetzt aus dem Spanischen von Elisabeth Müller und Elisabeth Brock.
Claassen Verlag, München 2002.
605 Seiten, 23,00 EUR.
ISBN 3-546-00318-7