06.08.14

Ungleiche Nachbarn? - Die „Geschichte des jüdischen Alltags in Deutschland“ erzählt vom Leben der deutschen Juden zwischen Ausgrenzung und Integration

„Ungleich“, das waren sie in der Tat, die jüdischen und die nicht-jüdischen Deutschen seit dem Dreißigjährigen Krieg bis zum Holocaust. Aber nur „Nachbarn“, nicht Mitbewohner oder Familienmitglieder gar? – „Ungleiche Nachbarn“ ist der Titel des Symposions, das anlässlich des Erscheinens einer ersten großen „Geschichte des jüdischen Alltags in Deutschland“ in Berlin stattfindet. Am 1. Juli versammeln sich die Beitragenden dieses über 600 Seiten starken, vor Details aus dem jüdischen Leben fast berstenden Werks im Jüdischen Museum, um die Problematik der deutsch-jüdischen Geschichte zu erörtern. Ob der Strich zwischen den Wörtern „deutsch“ und „jüdisch“ eher verbinden soll oder nicht doch beide Parteien auf einer Distanz hält, die im Holocaust nur ihre größte Anschaulichkeit erlangte, dies will das im Auftrag des Leo-Baeck-Institutes entstandene Buch mithilfe einer Vielzahl von Informationen aus den unterschiedlichsten Bereichen erörtern. Und wie man es fast geahnt hat, ist diese Frage nicht so eindeutig zu beantworten, wie sie gestellt ist. Doch die Autoren des von Marion Kaplan herausgegebenen Bandes, namhafte Historiker aus Israel, den USA und Deutschland, bemühen sich, soziale Ausgrenzung wie auch gelungene Integration auf großem Raum zu schildern, obgleich sie konzedieren, dass sie mit ihrer Arbeit nicht mehr als ein Vorwort und einen Anstoß zu wissenschaftlicher Arbeit über eine noch zu schreibende Geschichte des Alltags vorlegen wollten. 

Dieser auf den Alltag des „einfachen“ Juden in Deutschland fokussierte Ansatz unterscheidet den Band von der Mehrzahl der bereits vorliegenden Kompendien deutsch-jüdischer Vergangenheit. Die Autoren dieser „Geschichte von unten“ haben eine Unmenge an Archivmaterial, darunter Memoiren, Briefe, Tagebücher, Zeitungen und rabbinische Responsen zu Rate gezogen und lassen so das alltägliche Leben der jüdischen Minderheit in Deutschland über mehr als drei Jahrhunderte hinweg vor dem geistigen Auge entstehen. Sie richten ihren Blick auf die sich verändernden Strukturen und ihre Einflüsse auf Wohnsituation, Familienleben, Bildung, Arbeit, Religionspraxis und Freizeit, wobei sie vor allem der Frage nachgehen, inwieweit die historischen Veränderungen die subjektiven Erfahrungen der Juden, teilweise im Vergleich zu den nicht-jüdischen „Nachbarn“, beeinflusst haben. 

„Die deutsche Gesellschaft“, resümiert Marion Kaplan in der Einführung, „hielt sich im achtzehnten Jahrhundert von den Juden fern, öffnete sich ihnen uneinheitlich im neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert und wurde in der Nazi-Zeit mörderisch.“ Doch die Autoren betrachten die Vergangenheit nicht als bloße Vorgeschichte eines als unausweichlich zu bewertenden Genozids, der im Wesen der Deutschen „seit Luther“ angelegt sei. Dadurch gelingt es ihnen, die Zweideutigkeit der Assimilation genauer und vorurteilsfreier in den Blick zu nehmen. Denn trotz des Antisemitismus, der vor allem in der Kaiserzeit nach 1873 virulent wird, aber auch schon vorher große soziale Verwerfungen produzierte, entdecken die Autoren immer wieder erstaunliche Erfolge der Juden vom Beginn der Emanzipation bis zur Weimarer Republik. 

Nicht zuletzt handelt es sich bei diesem Buch auch um eine genuin deutsche Angelegenheit. So bringt die jüdische Alltagsgeschichte „etliche Verhaltensweisen von Deutschen zutage, die man aus einer anderen Perspektive kaum wahrnehmen würde.“ Denn die Geschichte der Nachbarn, ob ungleich oder nicht, betrifft auch immer die eigene Vergangenheit, vor allem dann, wenn sie in eine Katastrophe mündet, mit der auch das Buch schließt. 



Marion Kaplan (Hrsg.): Geschichte des jüdischen Alltags in Deutschland. Vom 17. Jahrhundert bis 1945.

Verlag C. H. Beck, München 2003.
638 S. mit 20 Abbildungen, 39,90 €.