21.09.14

Von gefilltem Fisch und Schläfenlocken - „Jüdisches Leben – Jüdischer Brauch“ von Steven M. Lowenstein

Eine der schwierigsten Aufgaben für den Staat Israel war es seit seiner Gründung, die mannigfaltigen Bräuche und Sitten der Einwanderer miteinander zu vereinbaren und in einem Schmelztiegel aus Menschen unterschiedlichster Herkunft, die nichts als ihre Religionszugehörigkeit gemeinsam haben, eine halbwegs kohärente Gesellschaft zu formen. Denn wie kein anderes Volk (mit Ausnahme vielleicht der Zigeuner) ist das jüdische seit mehr als zweitausend Jahren über die Welt verstreut und hat daher die verschiedensten Lebensweisen entwickelt. Seit der Zerstörung des ersten Tempels in Jerusalem durch die Babylonier im Jahr 587 v. d. Z. leben die meisten Juden außerhalb des „Landes der Urväter“, woran auch die Gründung des Staates Israel 1948 nichts geändert hat. Von den im westeuropäischen Kulturraum sich ansiedelnden Aschkenasim und den Sephardim des westlichen und östlichen Mittelmeeres mit ihren zahlreichen Kulturgruppen bis zu den Juden im Jemen, in Äthiopien, in Indien und China weist die geografische Streuung des jüdischen Volkes einen derart hohen Grad auf, dass es fast unmöglich scheint, zwischen den einzelnen regionalen Alltagskulturen noch das typisch „Jüdische“, das Gemeinsame auszumachen.

Von dieser Einsicht ausgehend behandelt die Studie „Jüdisches Leben – Jüdischer Brauch“ von Steven M. Lowenstein die unterschiedlichen Traditionen des Judentums einerseits mit Blick auf ihre Manifestationen wie Sprache, Namen, Musik, Küche, Kleidung oder Aussehen, zum anderen mit Blick auf die verschiedenen Lebensräume der Juden in West- und Osteuropa, im Irak und Iran, in Äthiopien, Indien oder China. Es ist erstaunlich: Bei der Vielzahl von Publikationen über das Judentum gibt es bisher kein einziges Werk, das sich ausführlich mit den unterschiedlichen Bräuchen des jüdischen Volkes in der Diaspora beschäftigt. Lowenstein, der sich als Professor für Jüdische Geschichte in Bel-Air, Kalifornien, schon seit langem mit dem Thema auseinandersetzt, zeigt in seiner leicht und unterhaltend zu lesenden Studie, dass die jüdischen und die nicht-jüdischen Traditionen innerhalb eines Kulturraums sich oft weit ähnlicher sind, als die verschiedenen regionalen jüdischen Bräuche untereinander. Dies liegt zum einen an der relativen Offenheit der jüdischen Kultur gegenüber anderen Einflüssen, die mit einer großen Assimilationskraft einhergeht, und zum anderen an den weiten zeitlichen und geografischen Abständen der einzelnen jüdischen Regionen zueinander. Auch die unterschiedliche Bedeutung von (einender) Schriftlichkeit und (trennender) Mündlichkeit trägt dazu bei.

Der Schwerpunkt der als Einführung konzipierten Studie liegt auf der Erörterung der größtenteils ungeschriebenen Volkstraditionen, die bisher kaum Beachtung fanden. Lowenstein kommt hier zu überraschenden Ergebnissen was z. B. die vermeintliche genetische Verwandtschaft der Juden betrifft. Im Kapitel über die Sprachen gibt Lowenstein, der seine Ausführungen stets mit zahlreichen zweckmäßigen Abbildungen und Grafiken begleitet, eine eingängige Übersicht über die komplexe Entwicklung der jüdischen Sprachen vom Jiddischen über die zahlreichen Ausprägungen des Judäoromanischen (Judäoprovenzalisch, -italienisch, Judezmo) bis zum Judäopersischen mit seinen Dialekten. Es kommt der Lebendigkeit des Buches zugute, dass der Autor immer wieder aussagekräftige Beispiele anführt wie beispielsweise über die unterschiedliche Aussprache des (modernen hebräischen) Wortes shaba’t in der aschkenasischen (sha’bos), der jemenitischen (shaboth) und der judäoitalienischen (shaba’d) Tradition.

Lowensteins Herangehensweisen sind vielfältig, aber immer ihrem Gegenstand angemessen. Das Kapitel über die jüdischen Namen nähert sich seinem Thema über eine geschichtliche Darstellung, die Ausführungen über die kulinarischen Traditionen kommen mehr wie ein kleines Kochbuch daher (deren Rezepte der Rezensent erfolgreich nachgekocht hat) und im Kapitel über jüdische Musik, die ja weit mehr ist als nur Klezmer, finden sich vor allem Notenauszüge. Der Autor schließt seine Darstellung mit einem bemerkenswerten Ausblick auf die Entwicklung der jüdischen Volkskulturen innerhalb der Moderne ab. Wenn auch die einzelnen Veränderungen nur schwer vorherzusagen seien, so Lowenstein, so sei doch sicher, dass die jüdische Volkskultur alles andere als tot ist, dass sie sich vielmehr dank ihrer Eigenschaften stetig weiterentwickeln wird. Für den Staat Israel hat das vor allem zur Folge, dass er sich, will er weiterhin Einwanderungsland für alle Juden bleiben, offen und wandelbar zeigen muss.




Steven M. Lowenstein: Jüdisches Leben – Jüdischer Brauch. Internationale jüdische Volkstraditionen.
Aus dem Amerikanischen von Alice Jakubeit.
Artemis & Winkler, Düsseldorf und Zürich 2002
260 Seiten, 28,- €
ISBN 3-538-07142-X