07.09.14

Wie Reisen Ihr Leben verändern kann - Über Alain de Bottons „Kunst des Reisens“



Welche Eigenschaften sollte ein guter Reiseführer aufweisen? Vor allem sollte er sich mit den Besonderheiten des Ortes detailliert auskennen, wobei sein Wissen idealerweise nicht aus zweiter (Bücher-)Hand, sondern aus eigener Erfahrung stammen sollte. Nicht weniger wichtig ist darüber hinaus die Fähigkeit, dieses Wissen auf eine Weise vermitteln zu können, die uns nicht direkt das Gefühl gibt, kulturelle Analphabeten und ignorante Dutzendmenschen zu sein. Zum dritten sollte ein guter Reiseführer sich darüber im Klaren sein, warum er uns das eine erzählt und das andere nicht.



Alain de Botton, der uns in seinem neuen Buch die „Kunst des Reisens“ lehren will, verfügt über all diese Eigenschaften eines guten Reiseführers. Nur dass der Ort, an den wir ihm folgen, kein wirklicher, auf der Landkarte auffindbarer ist, sondern das Reisen selbst. Denn auch das will gekonnt sein, wie jeder an eigenem Leib erfährt, der auf der Suche nach dem Glück in die Fremde flieht und nach ein paar Wochen um keinen Deut verändert wieder zu Hause ankommt: „Wir werden überhäuft mit Ratschlägen, wohin wir reisen, hören aber nur wenig, warum und wie wir reisen sollten“. Nun, in der Kunst, Ratschläge zu erteilen, hat sich de Botton bereits seit „Wie Proust Ihr Leben verändern kann“ und im letzten Jahr mit dem „Trost der Philosophie“ ausgezeichnet, und auch in der „Kunst des Reisens“ gelingt ihm die mühelose Gratwanderung zwischen Gemeinplatz und Unverständlichkeit. Dabei ist dies gar nicht so einfach, scheint doch gerade das Reisen eine Angelegenheit zu sein, die keinerlei besondere Vorbildung verlangt und auf die sich jeder versteht, der schon einmal einen Bahnhof von innen gesehen hat.

Wie es sich für eine rechte Kunst gehört, so beginnt auch de Bottons „Kunst des Reisens“ bei der Abreise, führt dann über so verlockende Gegenden wie „das Exotische“, „Land und Stadt“ oder „die Erlangung des Schönen“ bis zur Rückkehr und der damit verbundenen Gewöhnung an Zuhause. Warum werden wir, einmal angekommen, mit unverfrorener Regelmäßigkeit von unserem Reiseziel enttäuscht? Warum ist das Paradies niemals dort, wo wir sind? Was hat es nur mit der Faszination verlassener Tankstellen oder Autobahnbrücken auf sich? Warum sehen wir die Zypressen in der Provence erst seit den Gemälden van Goghs? Diesen und weiteren Fragen bemüht sich de Botton in lebendigen und bildreichen Worten auf den Grund zu kommen. Hierbei lässt er sich von illustren Reisenden und Künstlern der Geschichte inspirieren, deren Vorbild ihm als „Guide“ in der Kunst des Reisens dient. Mit Huysmans Dekadenzheld Des Esseintes lernen wir etwas über enttäuschte Erwartungen, mit Flaubert etwas über den Reiz des Exotischen, mit Alexander von Humboldt etwas über die Wissbegierde. Wie schon im Proust-Buch besonders gelungen sind die Ausführungen über das Sehen, in das uns der Autor mit den Malern Vincent van Gogh und John Ruskin einführt. 

Die Geschichten aus dem Leben der berühmten toten weißen Männer, aus ihrem Umgang mit dem Reisen sind kenntnisreich, bisweilen etwas zu gewissenhaft erzählt, bleiben aber nie rein für sich stehen. Wie ein umsichtiger Reiseleiter entgeht de Botton der Gefahr, belehrend zu wirken, indem er die historischen Anekdoten mit eigenen Reiseerfahrungen verknüpft und so für den ihm eigenen charmanten Ton sorgt. Dementsprechend wechseln sich im Buch zahlreiche Abbildungen von Kunstwerken mit den privaten Erinnerungsfotos des Autors ab. Dabei erfüllt er noch ein weiteres Kriterium eines guten Reiseführers: er weiß, dass er bei aller Meisterschaft selber noch immer ein Anfänger in der Reisekunst ist. Wie der beste Führer selber ein Fremder ist in dem Land, durch das er führt, behält sich auch de Botton immer ein bisschen distanzierendes Fremdsein im Land des Reisens vor und hat Lust daran. Ebenso macht er dem Leser Lust darauf, sich wieder einmal in die Fremde zu begeben. Diesmal aber besser bewappnet.



Alain de Botton: Kunst des Reisens. Aus dem Englischen von Silvia Morawetz. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2002.

288 Seiten, 19,90 €.

ISBN 3-10-046318-8