11.10.14

Vom Punk-Autor zum Großschriftsteller - Ein neuer Ton in Tom Coraghessan Boyles Erzählband „Fleischeslust“

Auf formaler wie inhaltlicher Ebene stellen die fünfzehn in diesem Band versammelten Erzählungen eine Art Übergang dar - ein neuer Ton wird hier hörbar, ernsthafter, verhaltener, melancholischer vielleicht, weniger offen sarkastisch oder derb-zynisch. Sollte dies der Übergang sein vom "Punk-Autor" zur - wie Boyle es selbst ausdrückt - "éminence grise", zum "späten Boyle", dessen wilde Jahre von einer selbstironischen Mäßigung abgelöst wurden?
Zugegeben: Präzise gezeichnet und voller Kritik am "american way of life", einer Kritik, der es nicht an Deutlichkeit mangelt, ist auch die Mehrzahl der Erzählungen in "Fleischeslust". Aber irgendwie vermisst der Boyle-Kenner doch das Anarchische und Absurde, das die früheren Werke prägte, seien es die Erzählungen in "Tod durch Ertrinken" oder der Roman "World's End".
In "Fleischeslust" merkt der Leser bereits, und dies wird durch das Erscheinen der Taschenbuchausgabe umso deutlicher, was in "Ein Freund der Erde", dem Umweltschützerroman, unübersehbar wird: Dass die Überzeugung, mit der Boyle seine Themen angeht, zwar dem Einfallsreichtum und auch dem bisweilen abgründigen Humor des Erzählens keinen Abbruch tut, dass sie ihm aber auch das Flair von wilder Verrücktheit nimmt, der den "Kult-Status" des Autors auch in Deutschland begründet hat. (Boyle äußert übrigens in einem Interview die Vermutung, dass er gerade bei deutschen Lesern für seine Verrücktheiten bewundert werde, weil die jüngere deutschsprachige Literatur durch das vorschnelle Urteil der Kritik in ihren schriftstellerischen Freiheiten eher eingeschränkt sei.)


Positiv formuliert könnte sich dies auch so anhören: Das Alter (Boyle hat die Grenze der Fünfzig bereits überschritten) und die mit ihm gelegentlich einhergehende Reife hat dem Schreiben T. C. Boyles zu seinen offenkundigen Stärken - der Skurrilität, dem Humor, der Überzeugungskraft - einen weiteren Charakterzug beschert: Wir lernen hier den Autor verstärkt von seiner stilleren Seite kennen.
Der nachdenkliche Ton steht dem, worüber Boyle schreibt, durchaus gut zu Gesicht. In "Zurück ins Eozän" beispielsweise wird der Held durch seine Tochter mit seiner eigenen Vergangenheit als drogenkonsumierender Hippie konfrontiert; in "Sammlerinnen und Jäger" geht es um den Wohlstandsmüll unserer "zivilisierten Gesellschaft", von dem befreit zu werden ein Ehepaar sogar eine rabiat vorgehende "Organisationsfirma" anheuert, und der Protagonist der
titelgebenden Erzählung lernt eine Veganerin kennen, für die er zum militanten Umweltschützer wird...
Außenseiter und Loser sind sie meistenteils, die (Anti-)Helden in Boyles Geschichten. An ihrem Schicksal wird einmal mehr deutlich, wie wacklig der Boden ihres Selbstbewusstseins - und das heißt des Selbstbewusstseins unserer Wohlstandsgesellschaft - ist. Ein Immobilienmakler (der so detailfreudig und überzogen geschildert wird, dass wir sofort wissen: so sind sie, diese Makler!) kauft sich auf einer Großwildranch, die afrikanische Exotik mitten in Kalifornien vortäuschen soll, seine repräsentativen Jagdtrophäen; ein alleinstehender, kürzlich geschiedener Mann wird ungewollt zum Geldgeber einer exzentrischen russischen Immigrantin; zwei verfeindete italienische "Paten" finden zum finalen Showdown bei ihrem Hausarzt zusammen - immer kommt es schließlich anders, als die Figuren und die Leser es erwarten.
Dieser Überraschungseffekt in Boyles Erzählungen ist es auch, der uns auf subtile und gleichzeitig unmissverständliche Weise aufzeigt, wie brüchig und begrenzt die Vorstellungen sind, auf denen wir unsere Welt errichten, und wie nichtig die Mehrzahl der Wünsche, die wir an unser Leben richten.

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T.C. Boyle: Fleischeslust. Erzählungen.
Übersetzt aus dem Englischen von Werner Richter.
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2001.
304 Seiten, 17,50 DM (8,90 EUR).
ISBN 3-423-12910-7