16.10.15

Die langen Schatten der Vergangenheit - Richard Wagners Roman „Miss Bukarest“ findet kein Ende

Ein junger angehender Schriftsteller aus Frankfurt bekommt eines Tages ein Manuskript zugeschickt – ohne Absender, ohne Begleitschreiben, ohne Kommentar. Er sträubt sich zunächst gegen die Lektüre, beginnt aber doch und verwickelt sich tiefer und tiefer in eine Geschichte, die sich auch als die seine entpuppt. Es ist die Geschichte seiner Vergangenheit, seiner eigenen Herkunft. Der junge Mann, Christian Schullerus, ist der als Zehnjähriger aus Rumänien ausgesiedelte Sohn von Dino Schullerus, früher Dinu Matache, der in Berlin als Privatdetektiv Menschen im Auftrag eifersüchtiger Ehepartner oder misstrauischer Arbeitgeber beschattet. Dino ist es auch, der im ersten Teil des Manuskripts von seinem neuesten „Fall“ erzählt, vom plötzlichen Tod einer alten Bekannten, Erika, deren Seitensprung er kurz zuvor noch für ihren Ehemann ermittelt hat.

Die Beschäftigung mit Erika wirft Dino zurück in die Vergangenheit. Damals, in Ceausescus Rumänien, in den Jahrzehnten nach dem Prager Frühling, kannte man einander gut. Dino, verheiratet mit der Siebenbürger Sächsin, hatte ein Verhältnis mit Erika, der Banater Schwäbin, die er für die Securitate über ihre Kontakte zu Intellektuellen aushorchen sollte. Irgendwann hatte Erika dann die Ausreisegenehmigung, wenig später folgt auch Dino mit seiner Familie nach Westberlin.
Nun, das heißt im Jahr 1996, wird Erika – „Miss  Bukarest“ – tot aufgefunden. Dino macht sich auf die Suche, wobei ihm seine Fähigkeiten als Ex-Geheimdienstler immer wieder zugute kommen. Was wie ein herkömmlicher Krimi anfängt (der Anfang des Christian zugesandten Manuskripts bildet auch den Anfang des Romans „Miss Bukarest“ von Richard Wagner), geht – Gott/dem Autor sei Dank – nicht wie ein solcher weiter. Irgendwann kommt Dino, der Ich-Erzähler des ersten Teils, mit seinen langatmigen Erklärungen und Gedanken zur Vergangenheit an ein Ende, irgendwann kommen seine Notizen an ein Heute; er schickt sie kurzerhand – ohne Absender, ohne Begleitschreiben, ohne Kommentar – an den rumäniendeutschen Schriftsteller Klaus Richartz, den er früher bespitzelt hatte. Und der ist nun unerwarteterweise der Erzähler des zweiten Teils, in dem er über Dinos Ermittlungen im Fall Erika aus seiner Sicht weitererzählt – ein anfangs recht einfallsreicher Kunstgriff, der den Leser, der sich schon zu fragen begann, wie lange das noch so weitergehen soll, erst mal bei der Stange hält.
Wenn dann aber der dritte Teil des Romans die Notizen Christians darstellt, der sich erst unwillig, dann gebannt mit der Geschichte seines Vaters und dem Kommentar von Richartz, der zudem sein Schreibseminar leitet und ihm das Manuskript zukommen ließ, auseinandersetzt, zeigt sich die Schwäche von „Miss Bukarest“. Was wie ein Krimi beginnt, endet – leider – nicht wie ein Krimi, sondern wie eine hastig dahingeschriebene Halbstarker-Jungautor-Kolportage mit blassen Figuren und unglaubwürdigen Szenen. Das Interesse des Lesers am Schicksal Erikas und an der Auflösung des Falls (für einen Krimi nicht eben das Nebensächlichste), das mühsam über den zweiten Teil hinweg aufrechterhalten wurde, erlahmt völlig, und so erfährt er dann ziemlich anteillos, unter welchen Umständen Erika wirklich ums Leben kam.
Nach dem zweiten Wechsel des Erzählers bekommt man zudem das Gefühl, dass die Idee, die Geschichte von einem anderen Involvierten lesen und kommentieren zu lassen, die ja an sich recht vielversprechend ist, hier an einer Stelle eingesetzt wird, wo der Autor einfach nicht mehr weiter weiß – anstelle einer konsequenten Fortführung und Auflösung des überzeugend Begonnenen lässt er ohne besondere Umstände den filius ex machina seine Perspektive zum Besten geben, für die sich der Leser jetzt nicht auch noch erwärmen will.
Überzeugend an dem Anfang des Romans, für den Richard Wagner im Jahr 2000 mit dem „Neuen deutschen Literaturpreis“ ausgezeichnet wurde, sind die Schilderungen der vergangenen Verhältnisse (Wagner stammt selbst aus dem rumänischen Banat und verließ Rumänien 1987) und die Art und Weise, wie die heikle Vergangenheit ihre Schatten immer wieder auf das Licht der Gegenwart wirft, wie weit und vollständig man sich auch vor ihr geflüchtet glaubt. Hier merkt man, da hat ein Autor ein Thema gefunden, mit dem er etwas anfangen kann. Enden kann er scheinbar (noch) nicht damit.



Richard Wagner: Miss Bukarest. Roman.
Aufbau-Verlag, Berlin 2001.
190 Seiten, 16,82 Euro.

ISBN 3-351-02926-8