04.02.16

Weimarer Verhältnisse? Wennschon, dennschon! - Zu "Buchumschläge in der Weimarer Republik"

Der Taschen Verlag präsentiert mit „Buchumschläge in der Weimarer Republik“ eine beeindruckende Sozial- und Literaturgeschichte der Zwanziger Jahre


Befürchten auch Sie den Untergang des Abendlandes? Verspüren auch Sie Unbehagen in der Kultur? Haben auch Sie das Gefühl, unsere Zeit tanze auf dem Vulkan?
Wenn Radikalisierung der bürgerlichen Mitte, Volksbewegung, Abendland, Lügenpresse, Ausschreitungen, Straßenschlachten und Attentate auf Politiker die Stichworte sind, die die Gespräche der Menschen beherrschen, dann ist hierzulande auch die Rede von Weimarer Verhältnissen nicht weit. Ob es ein Glück ist oder ein Verhängnis, in der jüngeren deutschen Geschichte eine Vorlage für den Zustand der Gesellschaft finden zu können, wird sich wohl erst herausstellen müssen. Ob man etwas aus der Geschichte lernen kann oder verdammt ist, sie zu wiederholen, ebenso.

Man kann ja in den Büchern nachlesen, wie es war. In Christopher Isherwoods „Leb wohl, Berlin“ oder Kästners „Gang vor die Hunde“ freilich, aber auch in Joseph Roths „Spinnennetz“ oder in Ernst Haffners Asphaltroman „Blutsbrüder“. Aber nicht nur in, sondern auch auf den Büchern kann man es sehen. Die Titel und die Buchumschläge nämlich, die während er Zeit von 1919 bis 1933 in Deutschland produziert und verlegt wurden, erzählen eine ganz eigene Geschichte von den Verhältnissen. Wer den großformatigen Band „Buchumschläge in der Weimarer Republik“, der jetzt im Taschen Verlag erschienen ist, aufschlägt, findet sich unmittelbar in diese andere Zeit versetzt. 

Beim Anblick all der hier versammelten Cover, der Illustrationen und Typographien, zeigt sich, wie sehr das Buch doch ein Gesamtkunstwerk sein kann – eines, das so viele Sinne anspricht, dass man sich dem Zauber der Vergangenheit nicht entziehen kann. „Synästhesie“, diesen Begriff bemüht auch das Vorwort von Christoph Stölzl, der davon schwärmt, dass Bücher ihre Aura eben nicht bloß durch ihren Inhalt, sondern auch (oder sollten wir sagen: vor allem und in erster Linie?) durch ihre Erscheinung entfalten: ein Buch in die Hand zu nehmen, es zu streicheln, es als Fetisch und „Berührungsreliquie“ zu erfahren, rückt es in die Nähe der wenigen anderen Kostbarkeiten, denen man in seinem Leben intime Zuwendung zukommen lässt: Schmuck etwa oder der Körper eines Menschen.
Stölzl zitiert dazu die unsterblichen Worte des ungarischen Ästhetikers Béla Balázs: 


„Wozu braucht einer eine Bibliothek, der nicht weiß, was es heißt, ein Buch im Vorbeigehen zu streicheln?“


Das ist vielleicht der unumgängliche Schönheitsfleck des Bandes, der rund tausend Buchumschläge aus etwa 250 Berliner Verlagen abbildet, die zwischen 1919 und 1933 erschienen sind und von Jürgen und Waltraud Holstein gesammelt wurden: die Unmöglichkeit, die Bücher selber in die Hand zu nehmen, zu befühlen und an ihnen zu riechen, und der Fluch, ihre Bekanntschaft hier nur in effigie machen zu können.

Gleichwohl ist es eine Freude auf jeder Seite. Es handelt sich bei den ausgewählten Exemplaren vor allem um Gebrauchsbücher, was seinen besonderen Reiz hat. Sind solche Gebrauchsbücher doch nicht bibliophile Prachtausgaben, sondern oft Alltagsgegenstände – Bücher, die zu einem erschwinglichen Preis erworben werden konnten und tatsächlich von breiten Kreisen gelesen wurden. Oft profane Werke, Triviales, zum Teil Taschenbücher, Rotationsromane, auch Ratgeber oder Bände über Sport, Film und Kunst sind darunter.
Die Ästhetik ihrer Gestaltung spiegelt unmittelbar den Geist der Zeit wider. Man findet hier die Technik der Collage, schwarz-weiße Lithografien, die den aktuellen Kunstrichtungen verpflichtet sind und Ausdrucksformen des Expressionismus, des Verismus, der Neuen Sachlichkeit oder des Konstruktivismus; eindrucksvoll beispielsweise bei dem Umschlag für die Gedichtsammlung des Dichters Julius Zerfaß aus dem Berliner Arbeiterjugend-Verlag. Die Abbildung zeigt eine stilisierte Großstadt, Fabriken, Hochhäuser, ein Kanal mit Lastkahn, die Perspektive ist unwiederbringlich aus den Fugen geraten, die Straßen sind menschenleer, die Fenster blind – eine Melange aus de Chirico und Metropolis. Der Titel „Glühende Welt“ steht oben rechts in einer prangenden Sonne.

Geordnet ist Holsteins Band in sinnvolle Abteilungen, die den Geist der Zwanziger Jahre einfangen. In der Kategorie „Politik und Gesellschaft“ finden wir Umschläge und Titel zur Sowjetunion und zur USA, zur Abtreibungsfrage und zum Anarchismus, zum Horror des Weltkriegs, zu Versailles und zum Faschismus in Italien. Bereits auf das Jahr 1930 (!) datiert der Titel „Kommt ,Das Dritte Reich’?“ von Walter Oehme und Kurt Caro, im roten Umschlag des Ernst Rowohlt Verlags. Der Nebentext zitiert aus dem Schlusswort: 

„Das Programm braucht keinen zu schrecken ... Der Nationalsozialismus ist Morphium für das deutsche Volk.“

Es ist ja nicht so, als hätte man gar nichts absehen können.

In den anderen Abteilungen des Bandes geht es um die Verlage und die Verleger (S. Fischer, Rowohlt, Kiepenheuer, Bruno und Paul Cassirer u. v. m.), die Künstler (Grosz, Heartfield, Karl Arnold, Emil Rudolf Weiß u. v. m.), um Buchgestaltung und Typographie. So wird der Band zu einer Politik- und Sozialgeschichte, einer Verlagsgeschichte, einer Kunstgeschichte im Kleinen. Schließlich die Literaturgeschichte: Hier finden wir Erstdrucke von Benn, Döblin, Horváth, Heinrich Mann, Mühsam bis hin zu Zuckmayer. Die (Wieder-)Begegnung mit den Originalen dieser Klassiker zu machen, ist ein Erlebnis; so z. B. Faulkners Roman „Licht im August“ in der Übersetzung von Franz Fein (1935), mit Holzschnittillustration von H. Kiwitz, Tucholskys „Rheinsberg“, Brechts „Im Dickicht der Städte“ oder die berühmte Text-Bild-Montage Georg Salters von „Berlin Alexanderplatz“.

So viel Anfang war nie, wird man sagen, aber auch: Wo ist Aufbruch, wo beginnt der Untergang? Die Umschläge eines Olaf Gulbransson oder John Heartfield etwa, aber auch die namenlosen, führen die Anschlussfähigkeit der deutschen Kunst an die internationale Moderne, den Anspruch und den Willen, sich den Avant-Garde-Strömungen zu verpflichten, klar vor Augen.
„Die vorliegende Publikation zeigt“, schreibt Stölzl im Vorwort, „daß das demokratische Deutschland alle Chancen besaß, ein Labor vorbildlicher Weltkultur zu werden.“

Und gleichzeitig, ganz persönlich, ganz individuell, fühlt sich manch älterer Leser vielleicht in die eigene Lektürebiographie versetzt und erinnert sich angesichts der Umschlagillustrationen längst vergangener Tage des Lesens. Allen voran zu nennen ist natürlich die Zeichnung von Walter Trier, die Erich Kästners „Emil und die Detektive“ ziert. Das Buch erschien 1929 bei Williams & Co., und man muss dem Dressler Verlag schon sehr dankbar sein, dass er diese Gestaltung über die Jahrzehnte hinweg nie wesentlich verändert hat.

Bei Betrachtung dieser Kostbarkeiten kommen dem heutigen Betrachter mitunter ein paar Gedanken zur Zeit:
Wenn wir schon Weimarer Verhältnisse haben müssen, warum dann nicht auch in der Buchkunst? Warum kann die Disparität sich nicht auch in den Titeln und den Gestalten der literarischen Welt widerspiegeln? Warum müssen Buchtitel heute so reizlos sein? Warum müssen die Cover so ermüdend monoton sein, angelegt nur auf wiederkäuende Wiedererkennbarkeit? Oder ist das nur Nostalgie? Verklärt sich der Blick des zu spät geborenen Betrachters auf Werke einer vergangenen Zeit, die hier schließlich bewusst ausg

ewählt wurden? Werden in achtzig Jahren unsere heutigen Buchgestaltungen auch in einem derart verdienstvollen Text-Bild-Band versammelt sein, wie es Holsteins „Buchumschläge“ ist? Wird man sich dann der gleichen Nostalgie erneut nicht erwehren können?

Oder ist die Kunst, Bücher auch haptisch und olfaktorisch zu erfahren, sie zu lieben, eine Kunst, die zusammen mit der Fähigkeit, meisterhafte Bücher zu gestalten, vom Aussterben bedroht ist?





Jürgen Holstein (Hg.): The Book Cover in the Weimar Republic. Buchumschläge in der Weimarer Republik.
Taschen Verlag, Köln 2015.
440 Seiten, 49,99 €.
ISBN: 3836549806