12.04.16

Rezension zu Peter Stamms Roman: "Weit über das Land"


Arthur Rimbaud, J. D. Salinger oder B. Traven; Raymund Gregorius aus "Nachtzug nach Lissabon", Amy Dunne aus dem Thriller „Gone Girl“ oder Christopher McCandless aus „Into the Wild" - das Schicksal von Menschen, die verschwinden, hat seine ganz eigene Anziehungskraft. Als ob ihr Weggehen in uns eine Sehnsucht nach etwas ganz Anderem anstößt, einem zweiten oder dritten Leben, einer vorgestellten Möglichkeit, einer anderen Identität, einem „Was wäre wenn?“. Ob sie real oder fiktiv sind, ob sie gewollt oder gezwungen fliehen, ob sie von etwas getrieben werden oder von etwas angezogen - in dem Fortleben dieser Figuren liegt für uns oft das Exempel von Menschen, die ihr Leben noch einmal auf den Prüfstand gestellt haben. Die Selbstprüfung zeigt sich in dieser einen existenzialistischen Entscheidung des Weggehens, da sie vor allem die beiden Fragen aufwirft, die unausgesprochen unser ganzes Leben beherrschen. Da ist zum einen die Frage nach der Vorgeschichte, nach den Gründen, nach individuellen Anlässen: "Was war geschehen?" Zum anderen ist da die Frage nach der Zukunft, nach der Alternative, nach dem Leben danach: "Was soll nun werden?"




Es ist das große Verdienst von Peter Stamms neuem Roman „Weit über das Land“, auf keine der beiden Fragen eine Antwort zu geben. Es ist auch nicht zu viel gespoilert, wenn man das bereits hier sagt. Die Frage nach dem Warum, das den Protagonisten Thomas dazu veranlasst haben mag, seine Frau Astrid und seine beiden Kinder so plötzlich zu verlassen, wird nicht einmal gestellt, geschweige denn beantwortet. Und auch das "Und nun?“, um das es nach dem ersten Moment von Thomas’ Flucht zu Beginn des Romans und dann über die folgenden 220 Seiten hinweg geht, bleibt bloß ein Schatten, der der Figur des Wanderers folgt, als der Thomas von nun an durch die Welt geht.

Es gibt ja für Menschen eine Menge möglicher Gründe, die Flucht zu ergreifen. Es wird dem Leser bald klar, dass er nicht darauf zu hoffen braucht, einen dieser Gründe aufgetischt zu bekommen - etwa in einer Rückschau auf die Beziehung des Ehepaars, auf psychische, finanzielle, existenzielle Krisen, auf Thomas’ Kindheit, das Verhältnis zu seinem Vater, zu seiner Mutter oder zu seinem persönlichen Gott oder so weiter. Nicht einmal ein Ekel angesichts der Sinnlosigkeit und Zufälligkeit des menschlichen Daseins, wie ihn etwa Sartres Roquentin empfindet, wird ihm gegönnt. Thomas steht einfach auf und geht. Die Kinder sind im Bett, er und Astrid sitzen zum Ausklang des Tages und der Sommerferien noch einmal beim Wein im Garten - „als sei alles in Ordnung, als würde alles immer so weitergehen.“

Was aber, wenn man einmal dafür sorgt, dass es nicht so ist? Einmal verrückt sein und aus allen Zwängen fliehen …?

Doch man kann nicht einmal sagen, dass es diese Frage oder irgendein Zwang wäre, die Thomas zum Gehen bewegt hätten. Der Moment, da er wie Ludwig Anatol Stiller den Garten verlässt, das Gartentor öffnet und etwas anhebt, damit es nicht quietscht, steht im Grunde ganz außerhalb der unbarmherzigen Abfolge von Ursache und Wirkung. Als gäbe es eine Entscheidung, die durch nichts bedingt wurde, nicht durch Thomas’ Charakter, nicht durch seine Beziehung zu Astrid, nicht durch göttliche Weisung, nicht durch unbewussten Trieb oder strategische Überlegung, sondern "einfach so" sich ereignete - wäre das eine wirklich freie Entscheidung?

Von den Folgen dieser Entscheidung erzählt uns Stamm wechselnd aus der Perspektive von Thomas und Astrid. Vor allem Astrids Schicksal, das zwischen Aktionismus und Resignation pendelt, ergreift den Leser in der Schilderung seiner Hilflosigkeit. Die Herausforderungen, die sie angesichts von Thomas’ Tat zu meistern hat, der Umgang mit den Kindern, die Erklärungsnot, die Suche, der Zweifel, die Gespräche mit dem Kommissar, zu dem sie bald eine persönliche Nähe aufbaut - all das zeigt uns eine zwischen Stärke und Ohnmacht schwankende Frau. Im Laufe der Zeit wird ihr klar, „wie wenig sie über Thomas wusste“, und dass sie nun gezwungen ist, sich damit auseinanderzusetzen, ob das Leben trotzdem weitergeht. Wie schon in seinen Romanen "Agnes" und "Sieben Jahre“ beweist Peter Stamm hier seine besondere Fähigkeit, die weiblichen Figuren seiner Erzählwelt mit spärlichen Pinselstrichen eindrucksvoll zu zeichnen. Wie anscheinend mühelos es ihm gelingt, vor uns eine Innenwelt, ein Leben, einen Menschen entstehen zu lassen, ist bewundernswert.

Aber auch Thomas’ Leben ex post wird erzählt. Wie er langsam Dorf und Region verlässt, wie er in einer Wandererhütte übernachtet, wie er sich Ausrüstung kauft, wie er eine junge Frau kennen lernt und wie es ihn immer weiter über Land uns ins Gebirge treibt. Dabei ist das alles nichts Besonderes, sondern bisweilen brutal banal. Wer hofft, in dem zweiten Leben nun von Freiheit und Abenteuer zu lesen, wird bald enttäuscht. Was soll schon sein? Ein Mann geht weg, und dann lebt er eben weiter. Eigentlich ist dann auch sein Weiterleben eine einzige fortgesetzte Selbstaufgabe in Bartleby’scher Manier; eine Fortsetzung und Steigerung im Verschwinden, die sich zwischen den Worten auch - nicht einmal - selbst - sogar abspielt: „Er hatte aufgehört, Alkohol zu trinken, nicht aus einem Entschluss, er hatte einfach kein Bedürfnis mehr, sich zu betäuben. Auch das Lesen hatte er aufgegeben, nicht einmal mehr die Zeitung schaute er an. Selbst das Transistorradio schaltete er kaum ein, sogar Musik kam ihm nur noch vor wie eine Ablenkung vom Wesentlichen.“

Was dieses Wesentliche jedoch sein mag, bleibt unklar. So wenig, wie Thomas einen Grund fürs Verschwinden gehabt zu haben mag, hat er auch Aussicht auf Erfüllung und Authentizität in seinem neuen Leben. So wenig, wie sein Alltagsleben zuvor als monoton und von Selbstlüge geprägt geschildert worden ist, wird sein neues Leben als ereignisreich und als große Offenbarung gezeigt.

Mit Ausnahmen. Thomas’ Gang ins Gebirge scheint ihn - wenn wir der Geschichte trauen dürfen - dieser Epiphanie näher zu bringen. Stamm findet für einen solchen Moment, der in der Weltliteratur immer nah am Kitsch liegt, nah am Kitsch liegende Worte: „Er war geborgen und alles war köstlich, jede Farbe, jeder Geruch, jedes Geräusch, jedes Wort. Er war am Leben.“ Dann aber drehen wir uns um und fragen uns: Wer sagt das? Ist das wirklich geschehen?

Es liegt eine eigentümliche Lust in der Verwirrung, die der Roman stiftet, wenn sich langsam die zeitlichen Abstände verschieben, die zwischen Thomas’ Tat und Astrids Reaktion darauf bestehen. Mit einem Mal erscheint uns Thomas’ Verhalten nicht mehr nur als Ursache von Astrids Zweifel und Suche, mit einem Mal ergreift die Frau die Initiative und irgendwann wird die Flucht des Mannes nur noch zu einem Getriebensein. Raum und Zeit bestehen in der Abfolge der einzelnen Episoden nicht mehr strenge Folge, sondern als Kontinuum, in dem die Frage nach dem Zuerst und dem Danach keine Rolle mehr spielt: „Die Jahre hatten keine Chronologie, die Reisen keine Richtung, die Orte keinen erkennbaren Zusammenhang."

Wie er uns Lesern langsam den Boden unter den Füßen wegzieht, darin liegt die große Kunst dieses Romans. Nicht nur Raum und Zeit verwackeln, sondern die gesamte Geschichte bekommt zu Ende hin eine Drehung, die uns zwingt, zurückzublättern, zwei-, dreimal zu lesen und an uns oder an der Wirklichkeit zu zweifeln. Diese Verunsicherung geschieht so unmerklich, dass es unheimlich wird. Mehr zu verraten hieße hier wirklich spoilern. Nur so viel: Wie der bloße Satz „Astrid dachte sich eine andere Geschichte aus“ alles in Wanken bringen kann, was vorher aufgebaut wurde, beweist ein weiteres Mal, welch meisterhaften Erzähler wir in Peter Stamm haben.



Peter Stamm: Weit über das Land. Roman. 
S. Fischer, Frankfurt am Main 2016.
222 Seiten, 19,99 €.
ISBN 978-3-100022271